rail blog 399 / Peter Garcia

Deutschlands Wild-West-Bahn

Wir haben gerade mal wieder in Deutschland eine eigene Bahn-Erfahrung gemacht. Das Online-Ticket Hamburg-Ravensburg-Hamburg hatten wir Monate früher erworben. Alles schien klar zu sein, bis … Drei Wochen vor Antritt der Reise erhielt ich die erste Mitteilung, die Fahrkarte sei so nicht mehr gültig und wir sollten eine alternative Reise-Route auswählen. Ich hatte versucht, das per Internet, DB-Navigator und meinem Bahn-Konto zu tun, scheiterte aber krachend. In den darauffolgenden Tagen kamen weitere Aufforderungen zur Auswahl einer alternativen Reise-Route, insgesamt 8! 

Von tiefer Ratlosigkeit getrieben begab ich mich ein paar Tage vor der Abreise zum Bahnschalter im Dammtor-Bahnhof, um dieses Problem persönlich zu klären. Die freundliche Mitarbeiterin am ersten Schalter, die ich um eine Erklärung bat, lächelte schuldbewusst. „Ja, das kennen wir, verantwortlich ist unsere KI. Bei jeder noch so kleinen Änderung in der Reiseplanung verschickt sie solche Meldungen.“ Ich dachte mir, die KI der Bahn scheint noch dümmer zu sein als Bohnenstroh – künstlich ja, aber mit einer Intelligenz gleich Null. Natürlich behielt ich das für mich, denn die Bahn-Mitarbeiterin dieser Ebene war sicherlich nicht verantwortlich für die Beschaffung dieser KI-Katastrophe.

Um welche Änderung der Route ging es in unserem Fall? Der Regionalzug RE5 von Stuttgart nach Ravensburg konnte wegen Gleisbauarbeiten nur noch bis zur vorletzten Haltestelle „Aulendorf“ fahren, die 12 Zugfahrminuten von Ravensburg entfernt liegt. Von dort müssten wir den Ersatzbus nach Ravensburg nehmen, der dann schon bereitstehen würde. Die zu erwartende Fahrtzeit des Ersatzbusses: etwa 25 bis 35 Minuten. Dito auf dem Rückweg. Wir haben auf diese Busfahrt verzichtet; stattdessen hat uns eine nahe Verwandte von Aulendorf abgeholt und einige Tage später wieder hingebracht.

Glücklicherweise ging die Rückfahrt von Aulendorf pünktlich los, auch wenn der eigentliche Regionalzug aus technischen Gründen ausfiel und ein kürzerer Ersatzzug eingesetzt werden musste. Verwirrung entstand durch eine erste Ansage: „Der reguläre Zug nach Stuttgart fällt aus“, die aber später korrigiert wurde. Wir kamen pünktlich in Stuttgart an und erreichten somit den reservierten Zug nach Hamburg. Großes Aufatmen unsererseits. Doch dann blieben wir nach Frankfurt plötzlich mitten auf der Strecke stehen und hatten eineinhalb Stunden Aufenthalt wegen der Anwesenheit „mehrerer Personen auf den Gleisen“. Wahrscheinlich handelte es sich eher um eine Person, die beim Überfahren nicht mehr ganz geblieben war.

Ungewöhnlicherweise wurden später die Türen einiger Waggons geöffnet, damit sich die Passagiere auf dem Nachbargleis die Beine vertreten und frische Luft schnappen konnten. Alle Raucher (von wegen frische Luft!) und Hundebesitzer nutzten diese Möglichkeit. Nach etwa einer Stunde wurden sie zur Rückkehr in die Waggons gebeten, da sich auf dem Nachbargleis ein Regionalzug näherte. Nachdem der vorbeigefahren war, durften interessierte Passagiere wieder raus an die „frische“ Luft.

Endlich hieß es, das Gleis vor unserem Zug sei wieder frei von Personen und der Zug würde in Kürze weiterfahren. Etwas später kam die nächste Durchsage: „Bitte kontrollieren Sie ihre Wertsachen und Brieftaschen. Im Zug ist ein Taschendieb unterwegs oder möglicherweise sogar mehrere.“ Weitere Infos zum Schicksal des Taschendiebs oder der Bestohlenen kamen nicht. Könnte es sein, dass sich jemand auf die Schienen gelegt hatte, um dem Taschendieb einen Raubzug zu ermöglichen? Auf dem Weg nach Hamburg hielt der Zug noch mehrere Male kürzere bis längere Zeit ohne Begründung an. 

Fazit: Manche fahren in den Wilden Westen, um Abenteuer zu erleben, andere erleben aufregende Abenteuer direkt hier in Deutschland beim Fahren mit der Bahn.

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