Geisterzüge und Flextickets für unter 50 Euro
Für meine Rückfahrt von Heilbronn nach Hamburg an einem Dienstagabend Anfang März hatte ich Mitte Januar einen Sparpreis gebucht, 1. Klasse mit BahnCard 25. Zunächst per Regionalexpress nach Stuttgart und dann per ICE 674 nach Hamburg Hbf. Für 43,49 Euro. Das ist das Preisniveau, an das die zur Schnäppchenjagd erzogene Kundschaft sich offenbar gewöhnen soll. Zum Vergleich: für den nächsten Dienstag (übermorgen) ruft die DB für dieselbe Zugkombination 1. Klasse mit BC25-Rabatt als Supersparpreis 81,74 Euro, als Sparpreis 91,49 Euro und als Flexpreis sage und schreibe 241,25 Euro auf.
Die Chancen stehen allerdings gut, dass man zu diesen Preisen jeden beliebigen Zug nehmen kann – was im Internet als Tipp (neudeutsch »Bahn-Hack«) kursiert, wurde mir von der DB per Mail etwas nebulös formuliert mitgeteilt. Exakt an dem Tag, an dem ein mutmaßlicher Hackerangriff die DB-IT ins Schleudern brachte, berichtete man mir, meine Verbindung habe sich geändert. Ich solle nach Alternativen suchen.
Ich hielt das zunächst für eine Folge des IT-Chaos und reagierte erst, als wenige Tage später dieselbe Nachricht nochmals bei mir eintraf.
Irritierend zunächst, dass nicht mitgeteilt wurde, worin die Änderung bestehe. Außerdem erfolgte kein Hinweis, wie ich an akzeptable Alternativen kommen solle. Also bemühte ich die – in der Mail nicht verlinkte – DB-Website und stellte fest: Wegen Bauarbeiten werde mein ICE nicht bis Hamburg Hbf fahren, sondern in Hamburg-Harburg enden. Kein großes Ding, dann würde ich einfach 10 km früher in die S-Bahn steigen als geplant.
Aber für die DB ist das ein großes Ding. Einer von meinen Max Maulwürfen sagte mir, die DB behaupte in solchen Fällen oder auch bei Abweichungen um wenige Minuten, der Zug falle aus – obwohl er doch fahre. So würden Reisende in München Hbf, die Richtung Österreich unterwegs seien, fälschlicherweise die Nachricht auf die Bahnhofsanzeige und aufs Handy bekommen, ihr Zug falle aus, während er in Wirklichkeit ein paar Minuten später am Bahnhof München-Ost abfahre. Wahrscheinlich fast leer, wenn man ihn den Kunden verschweigt.
Ich rief also die Hotline an, teilte meine Buchungsdaten mit und fragte, wie ich zu einer gültigen Fahrkarte für eine Alternative kommen solle, wenn das in der Mail nicht stehe.
»Sie können jeden Zug nehmen, die Zugbindung ist aufgehoben.«
»Oh, nett, aber das steht hier nicht.«
»Doch – Ihr Zug fällt ja aus.«
»Moment – ich habe den Zug vor fünf Minuten auf der DB-Website gesehen. Er endet 10 km früher, steht dort. Und Sie sagen, dass laut Ihren Unterlagen der Zug ausfällt?«
»Ja. Und Ihr Nahverkehrszug auch.«
»Oh nein, das ist der einzige von stündlich drei Zügen, der auf der vom Hangrutsch betroffenen und dadurch eingleisigen Neckartalstrecke fährt, sagt Ihre Website.«
Die Hotline-Mitarbeiterin überzeugte sich vom Stand der Website, versicherte erneut, ich könne jeden Zug nehmen, und nannte Verbindungen via Würzburg. Die sind oft deutlich teurer als die ICEs von Stuttgart nach Hamburg, und ich wollte keine Diskussion mit einem Zugchef darüber provozieren, was ich in Würzburg anstatt in Stuttgart machen würde. Also beschied ich der Mitarbeiterin, ich würde es darauf ankommen lassen und versuchen, die Verbindung zu nehmen, die in ihrem System nicht, auf meinem Computer aber sehr wohl angezeigt wurde.
Es war die goldrichtige Entscheidung. Fast leere 1. Klasse, entspannte Fahrt, pünktliche Ankunft.
Was habe ich also gemacht? Im März schon die Tickets für September gekauft. Hamburg-Würzburg 1. Klasse mit BC 25 am Freitagmorgen für 35,24 Euro, Stuttgart-Nürnberg-Berlin-Hamburg am Dienstagnachmittag mit zwei Stunden Pause in Berlin für 44,24 Euro. Und nun bin ich gespannt, ob wegen winziger Fahrplanabweichungen die DB mich wieder ermächtigen will, jeden beliebigen Zug auf diesen oder halbwegs benachbarten Strecken zu benutzen und damit so zu fahren, als hätte ich die Flexpreise in Höhe von 229,85 Euro bzw. 254,70 Euro bezahlt.
Halbleere Geisterzüge habe ich auch anderweitig erlebt: Wenn ein ICE nur dann auf der Website angezeigt wird, wenn man weiß, dass es ihn gibt, und gezielt seine Zwischenhalte eingibt, weil er mehr als 15 Minuten in Hannover hält und in dieser Zeit der reguläre ICE ihn überholt. Das Ticket für den Bummelzug war sehr billig, und die Anzahl der Reisenden sehr überschaubar. Den Kunden freut’s, aber man kann sich auch fragen, wie die DB eigentlich ihre Einnahmen in den Griff bekommen möchte.

