rail blog 388 / Joachim Holstein

Deutsche Bahn(höfe) im Norden

Der Hauptbahnhof der größten deutschen Stadt: Nach einem Defekt an zwei Rolltreppen entschied die DB, aus Sicherheitsgründen 42 der 52 Rolltreppen dieses fünfstöckigen Bauwerks außer Betrieb zu nehmen. Bundesweit waren letztendlich 130 Rolltreppen betroffen. Die Reparaturen ziehen sich seit Wochen hin – vor allem, weil »weltweit« nach Ersatzteilen gefahndet wird.

Ist es eigentlich einem Hersteller von Rolltreppen und einem seiner Großkunden verboten, einen Vorrat an Ersatzteilen zu haben?

Der Hauptbahnhof der zweitgrößten deutschen Stadt: Seit Jahren überlastet; der Wechsel von Bahnsteig 13/14 zu Bahnsteig 11/12 oder gar 7/8 und 5/6 kann schon mal eine Dreiviertelstunde dauern, Ölsardinen-Feeling inbegriffen. Auch wenn neue Treppen außerhalb der Halle eine kleine Erleichterung verschafft haben (zumindest für diejenigen, die Treppen steigen können), ist das Benutzen der Bahnsteige und Querstege immer noch eine Zumutung. Am 12. März schilderte ein Vielfahrer seine Eindrücke im Telegrammstil:

Heute unterwegs von Hamburg Richtung Lüneburg.

Chaos total.

Metronom hat einfach null stabilen Betrieb.

Flixtrain dazwischen – auch Chaos.

Dann kommt Fernverkehr aus Basel rein. Der braucht 10 Minuten zum Ausstieg.

Hamburg Hbf ist NULL geeignet für ENDENDE Fernzüge.

Und die Leute am Bahnsteig sind mega-aggressiv.

RE 3 (Richtung Lüneburg-Uelzen) hat jetzt +30 Verspätung. Das ist null normaler betrieb.

Am Bahnsteig sind nur brüllende Leute. Irre.

Und wieder ertönt „Drecks-Bundesbahn“ – dabei ist es seit 1994 die DB AG. Nicht auszurotten.

Ich bin jetzt aus dem Zug mit Planabfahrt 17:25 Uhr ausgestiegen und im Zug mit Planabfahrt 17:56 Uhr.

Unfassbare Zustände.

Zu viele Leute. Irre.

Die 1.Klasse ist auch keinerlei Garantie, dass man normal reisen kann.

Irre.

Und fünf Rollstuhlfahrer sind verzweifelt.

Im Hauptbahnhof enden derzeit die Züge, weil die »Verbindungsbahn« Richtung Altona und Kiel/Flensburg/Westerland derzeit wegen Bauarbeiten unterbrochen ist und Hamburg und die Bundesrepublik es – man muss hier mal historisch ausholen – weder nach Beginn der deutschen Zweistaatlichkeit 1949 noch nach dem Befestigen der Systemgrenze zwischen NATO und Warschauer Pakt 1961 für nötig gehalten haben, für Ausweichmöglichkeiten zu sorgen. Das, was heute Resilienz heißt, war offenbar damals nie ein Thema. Und so gab es westlich des »Eisernen Vorhangs« nur eine einzige Stelle, an der die Eisenbahn die Elbe überqueren konnte: die Elbbrücken mitten in Hamburg. Die Strecke über Lauenburg hat in all den Jahren weder ein zweites Gleis noch eine Oberleitung bekommen, und die Elbe untertunneln wollte man nur für acht Autobahnspuren, aber nicht für zwei bis vier Bahngleise. Es gibt auch keine Möglichkeit, Verkehr in nennenswertem Umfang von den Elbbrücken aus nach Nordosten – Richtung Wandsbek, Rahlstedt, Lübeck – umzuleiten, denn die Verbindungsstrecke zwischen Tiefstack und Marienthal ist nur eingleisig. Außerdem gibt es dort keinen leistungsfähigen, für den Fernverkehr tauglichen Bahnhof. Der auf zweigleisiger Strecke erreichbare Bahnhof Bergedorf im Südosten wiederum ist so weit vom Zentrum entfernt, dass man ihn wohl von vornherein ausgeschlossen hat. Hätte man die »Güterumgehungsbahn« via Barmbek, Alsterdorf und Niendorfer Gehege zweigleisig ausgebaut und mit Haltepunkten versehen, wie von linker Seite aus schon vor mehr als 30 Jahren gefordert, hätte man die Züge ganz elegant Richtung Elmshorn und nördliches Schleswig-Holstein bringen können. So aber muss nun der Hauptbahnhof alle Reisenden aufnehmen – falls die Züge nicht sogar schon in Harburg gestoppt werden, sodass deren Reisende mit der S-Bahn Richtung Zentrum fahren müssen.

Am anderen Ende der Verbindungsbahn liegt der Bahnhof Altona. Der ist seit Jahren umstritten, weil DB und Hamburger Senat ihn weghaben und durch einen nicht barrierefreien, kleineren Bahnhof am Diebsteich ablösen wollen. Die Panik, dies nicht als Fehlentscheidung eingestehen zu müssen, ist hier so groß, dass man massenhaft Züge aus Schleswig-Holstein und Dänemark am S- und Regionalbahnhof Pinneberg stoppt, anstatt sie bis Altona im Hamburger Zentrum durchfahren zu lassen. Außerdem hatte man es in Pinneberg beim vor einigen Jahren erfolgten Umbau fertiggebracht, die Umsteigewege zu verlängern, während das einzige von der S-Bahn aus barrierefrei zu erreichende Fernbahngleis nur 220 Meter lang ist, der isolierte Bahnsteig mit zwei weiteren Gleisen misst auch nur 300 Meter.

Der Vielfahrer schreibt über Pinneberg:

Bin gerade in Pinneberg umgestiegen von der S-Bahn Linie 3 in Richtung Kiel. Unfassbare Szenen spielen sich hier ab. Massen an Menschen, die durch enge Gänge gehen. Keine Reisendenlenkung. Eine Frechheit ist das. … Pinneberg abends um 20 Uhr war totales Chaos. Ich will gar nicht früh um 7 Uhr oder abends um 17 Uhr dort sein. Völlig unzumutbar, und die Fahrt Pinneberg-Harburg mit der S-Bahn auch ein Alptraum. Retour Richtung Norden klappt kein Anschluss, da die S-Bahn immer 5-10 Minuten Verspätung hat, der RE nach Kiel ist dann weg.

Wie gesagt: bei entsprechender Streckenkapazität könnte man die Züge aus dem Süden mit Halt in Harburg via Güterumgehungsbahn oder via Bad Oldesloe und Bad Segeberg nach Kiel, Flensburg-Dänemark und Westerland durchfahren lassen. Aber auch hier stellt sich die Frage, warum die Alternativstrecken nicht längst zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert wurden.

Über Joachim Holstein

(*1960) arbeitete von 1996 bis 2017 als Steward in Nacht- und Autozügen der DB, war von 2006 bis zur Einstellung dieser Verkehre Betriebsrat der DB European Railservice GmbH und zuletzt Sprecher des Wirtschaftsausschusses. Mitbegründer der Initiative zur Rettung des Nachtzuges Hamburg-Paris (2008; »Wir wollen nach Paris und nicht an die Börse«) und des europäischen Netzwerks für Nachtzüge »Back on Track« (2015; https://back-on-track.eu/de/); Weiteres unter www.nachtzug-bleibt.eu

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