Kundenfreundlichkeit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr?
Ich gehöre zu der Alterskohorte, die vor fünf Jahren von der DB bei der BahnCard böse gefoult wurde: Ich bin Jahrgang 1960, wurde im Dezember 2020 also 60 Jahre alt und erreichte damit das Alter, das mich für die preisgünstigere BahnCard Senior qualifizierte.
Dachte ich.
Mein BahnCard-Abo lief immer bis Ende Oktober, und als braver Kunde hatte ich nicht fristgerecht gekündigt, um fünf Wochen ohne BahnCard dazustehen und dann am Tag nach dem 60. Geburtstag fröhlich lächelnd die reduzierte BahnCard zu beantragen. Mir reichte es aus, fünf Wochen vor dem 61. Geburtstag dann den Seniorenrabatt in Anspruch zu genießen.
Und dann erfuhr ich zwei Wochen nach Ablauf der Kündigungsfrist, dass die DB die Altersgrenze für die Seniorenkarte zum 1. April 2021 auf 65 Jahre anheben würde. Just zu dieser Zeit lief eine Rabattaktion (40 Euro weniger für BahnCard 25 first), und dann kommt man natürlich auf die Idee: dann kaufe ich die und rutsche noch ins 60-er System.
»Nein«, sagt eder BC-Service, »der Rabatt ist nur für Neukunden.«
»Oh«, sagte ich, »das steht da aber nirgends – und ich habe extra nachgeschaut, weil ich schon mal mit einem Rabattangebot für Neukunden konfrontiert war.«
»Tja«, sagte der BC-Service, »auf der Website XXXX [nicht mehr aktiv] wird das auch nicht stehen, denn diese Website richtet sich nur an Neukunden.«
Er bot mir einen Reisegutschein über 40 Euro an, den ich akzeptierte.
Und dann hatte ich natürlich die Frage zur Senioren-Card, weil es auf der Website XXXX [nicht mehr aktiv] hieß, dass die Anhebung der Altersgrenze nur für Neukunden gelte.
»Tja«, sagte der BC-Service, »der Status „Neukunde“ bezieht sich auf die Senioren-BC, nicht auf BC generell. Wenn Ihre BC am 30.10.2021 ausläuft, bekommen Sie ab dem 31.10.2021 keine Senioren-BC. Sie müssten eine kaufen mit erstem Geltungstag vor dem Stichtag und die jetzige BC kündigen. Dann haben Sie zwar ein paar Monate lang zwei BCs gleichzeitig, aber haben zukünftig den Senioren-Preis.«
Das wäre unterm Strich nicht billiger gekommen.
Ich fühlte mich natürlich doppelt gefoult:
»Hätte ich vor Ablauf der Kündigungsfrist die BC gekündigt, hätte ich jetzt direkt die Sparkarte bekommen oder aber ab dem 4.12. die Seniorenkarte … aber da bleibt man als Stammkunde der Bahn treu …«
Stammkunde heißt in diesem Fall: BahnCard von Anfang an (Oktober 1992), und davor, zu Studentenzeiten: Junior-Pass, also den Vorläufer der BahnCard Junior, solange ich ihn nutzen konnte.
Ich kündigte und pausierte dann ein paar Monate mit der BahnCard, weil ich sie ja nicht jede Woche oder jeden Monat brauchte, und so begab es sich, dass die Laufzeit des derzeitigen Abos immer am 21. April beginnt.
Aus Erfahrung misstrauisch geworden, rief kurz nach dem 65. Die BahnCard-Hotline an:
»Ich habe jetzt das Alter für die BC Senior erreicht. Muss ich mein Abo kündigen und Senior beantragen? Dazu finde ich nichts auf der Website.«
»Nein, die Umstellung geschieht vollautomatisch.«
»Ah prima, danke, dann bin ich beruhigt, denn zu meinem 60. lief es nicht vollautomatisch …«
Vor ein paar Tagen fiel mir dann verspätet – logisch: es gibt ja keine Plastikkarte mehr, die man im Geldbeutel jederzeit vor Augen hat – auf, dass der Termin verstrichen war. Also im Handy den Navigator geöffnet.
»BahnCard abgelaufen«, stand da.
Uuups – und nun? Wo war die Vollautomatik?
Es dauerte, bis ich auf die Idee kam, seitlich zu wischen, aber dann fand ich doch die BahnCard Senior, gültig ab 21. April, die ich nur noch »aktivieren« musste. Nochmal: Wo war die Vollautomatik?
An dieser Stelle ist es Zeit zu erwähnen, dass ich der DB keinen Zugriff auf mein Konto eingeräumt habe. Ich warte also jedes Jahr auf die Rechnung, hefte sie ab, überweise sie und fahre weiter.
Es kam aber keine Rechnung, sondern eine Zahlungserinnerung.
»… konnten wir bis heute keinen Zahlungseingang feststellen«
Als treuer Kunde habe ich natürlich umgehend per Echtzeitüberweisung bezahlt, aber mal ehrlich, liebe Deutsche Bahn AG:
Wie wäre es, wenn Sie denen, die die Altersgrenze erreichen und »vollautomatisch« beim Abo von BahnCard normal auf BahnCard Senior umgestellt werden, vielleicht von sich aus (oder: »proaktiv«, wenn Ihnen dieser Ausdruck besser gefällt) ein nettes Schreiben schicken würden: »Danke für jahrelange Treue, jetzt Seniorenalter erreicht, nächste BahnCard ist Senior, kostet nur noch 81,90 Euro, bei Einzugsermächtigung brauchen Sie nichts zu tun, bei Dauerauftrag denken Sie bitte an den neuen Preis, bei Zahlung gegen Rechnung verwenden Sie die nachstehenden Daten …« – und dann vielleicht noch ein kleines »Goodie«: Verzehrgutschein oder Ticketgutschein für 10 oder 20 Euro?
Der Optiker, bei dem ich vor geschätzten 15 Jahren zwei Brillen gekauft habe, schickt mir immer noch jedes Jahr zum Geburtstag ein Kärtchen und bietet mir einen Geburtstagsrabatt auf meine nächste Brille an. Das nach einem ostfriesischen Künstler benannte Versandhaus aus Hamburg bietet auch jedes Jahr einen solchen Rabatt – warum kann die DB das nicht wenigstens einmal zum Fünfundsechzigsten? Als i-Tüpfelchen der Aufmerksamkeit für die Kunden hätte man ja angesichts der Anzahl der Tickets, die nach oder von Stuttgart gekauft wurden, mir das Wanderabzeichen des Neubauprojektes S21 in Bronze (mindestens) verleihen oder bei der nächsten Bergauf-Nutzung des Fernwanderweges um den Bonatzbau herum eine Mitfahrt auf dem Golfcart anbieten können …
Aber so fahre ich halt in der 1. Klasse beim nächsten Mal von Neckarsulm via Stuttgart nach Hamburg für 35,99 Euro und beim übernächsten Mal von Stuttgart via Nürnberg und Berlin nach Hamburg für 44,24 Euro. So isch no au widdr, wie mir Schwoba saget.

