rail blog 398 / Michael Jung

Fortschritt, der ein Rückschritt ist – Fahrt in einem der neuen ICE-L-Züge der DB

Am 31.5.2026 kam ich unverhofft in den Genuss, eine Fahrt in einem der neuen ICE-L machen zu dürfen, auf einer Strecke, auf denen die Züge normalerweise nicht verkehren. Und zwar der ICE 1703 von Hamburg über die Umleitungsstrecke Lüneburg –Uelzen – Stendal nach Berlin. Große Überraschung bei der Einfahrt des Zuges: vor dem Steuerwagen eine tschechische Siemens Vectron Lokomotive. Hat die DB keine eigenen Loks mehr? Muss man sich diese bei den Partnerbahnen ausleihen, um den neuesten Zug im Stall ziehen zu lassen? Auflösung des Rätsels: Die für diesen Zug mit eingekaufte Lok spanischer Provenienz hat noch keine Zulassung, ebenso wenig wie der Steuerwagen, daher die ungewöhnliche Komposition.

Der stufenlose Low-Floor Einstieg für 76 cm Bahnsteige – dafür steht das L im Zugtypennamen – ist sicher ein sinnvoller Fortschritt. Aber auch in diesem Zug, genauso wie im ICE 4, sind die Einstiegsräume viel zu eng, sodass es bei größerem Passagierandrang schnell zu einem Rückstau kommt. Die einzelnen Waggons sind bauartbedingt relativ kurz, das ergibt kleine Großraumabteile. Insgesamt aber im Vergleich zum ICE1 recht eng. Die Sitze ordentlich, zumindest für Menschen in Normalgröße. Sie erzeugen keine Kreuzschmerzen wie die Sitze der ersten ICE4 Generation. Ansonsten das Übliche, angenehmes Farbdesign, aber viel zu kleine Gepäckablage, und das in Zügen, die speziell für den Reiseverkehr in die Urlaubsgebiete, z.B. von Frankfurt/Köln/Berlin nach Westerland/Sylt, oder von Hamburg nach Oberstdorf / Garmisch Partenkirchen gedacht sind. Bekanntermaßen (aber offensichtlich nicht für die DB Zugdesigner) haben Urlaubsreisende immer etwas umfangreiches Gepäck. Nur 8 Fahrradstellplätze für einen Zug in Urlaubsgebiete sind entweder als Witz oder als Provokation zu bezeichnen. Die alten Interregio-Steuerwagen, mit denen viele Urlaubsgebiete früher bedient wurden, hatten 20 Radstellplätze! Zudem sind die Züge mit 572 Sitzplätzen eindeutig zu klein. Denn die Sitzplatzkapazität entspricht gerade einmal 7 alten IC1 Reisezugwagen der 2. Klasse. Nur umfassten die alten IC1-Züge auf aufkommensstarken Strecken bis zu 13 Waggons!

Die Überraschung beginnt beim Anfahren des Zuges. Es rumpelt, schlägt und knackt, ungefedert dringen Stöße von den Schienen bis in die Sitze vor. Man spürt jedes Weichenherzstück und jeden Schienenstoß, so als hätte der Zug keine Stoßdämpfer. Zugegeben, ich habe einen Sitzplatz direkt hinter dem Talgo-Einachslaufwerk. Aber von Laufruhe ist nichts zu spüren. Es hat fast den Anschein, als hätte die DB diese ICE-L Züge extra beschafft, um die Reisenden vom schlechten Streckenzustand zu überzeugen bzw. sie zur Zustimmung zur Generalsanierung zu bewegen. Auf der Rückfahrt – auf gleicher Strecke – in einem alten ICE1 ein angenehmes Schwingen, selbst auf den schlechtesten Streckenabschnitten ein vergleichsweise sehr ruhiger Lauf, als sei man auf einem anderen Bahnnetz unterwegs. Nicht umsonst werden die Einachslaufwerke von Eisenbahnfachleuten wegen ihres unrunden Laufs und des dadurch bedingten hohen Schienenverschleißes stark kritisiert.

Dann in einem nagelneuen Zug: Schon zwei Türen und zwei Klos defekt. Eine DB Standardkrankheit? Diese Bauteile werden garantiert von DB zertifizierten Zulieferern beigestellt, können also nicht dem Zugdesign der spanischen Firma Talgo angelastet werden.

Fazit: Die mit viel Vorschusslorbeeren bedachten und als Ersatz für die IC1 Garnituren, die die DB komplett ausmustern will, gedachten Züge dürfte sich am Ende der Tage als Flop erweisen. Vorsichtshalber hat die DB (ob aus finanziellen Gründen, oder aus Gründen der doch nicht überzeugenden Technik, ist unklar) die Hälfte der bestellten Zugeinheiten schon wieder storniert. Sie werden dann bei Flixtrain auftauchen, die diese Tranche übernommen hat. Da diese Züge immerhin über eine Klimaanlage verfügen, dürften Flixtrain-Reisende, die bisher in verschlissenen 40-50 Jahre alten ehemaligen Interregiowagen reisen durften, trotz des rumpeligen Fahrgefühls diese Züge als Fortschritt empfinden.

Ein echter Fortschritt hingegen sind die Gioruno-Züge des Herstellers Stadler bei der SBB. Diese haben ebenfalls einen stufenlosen Einstieg bei 76cm hohen Bahnsteigen, dafür aber anständige Drehgestell-Fahrwerke. Warum konnte die DB nicht diese Züge bestellen, anstatt sich auf ein Experiment mit noch unbekanntem Ausgang einzulassen?

Hier die DB eigene Beschreibung dieser Züge:
Alles Wichtige rund um den ICE L

  • Neue Fernverkehrszüge mit ICE-Komfort wurden beim spanischen Hersteller Talgo bestellt.
  • Das „L“ im Namen steht für „Low Floor“ und bedeutet Niederflureinstieg. Der stufenlose Einstieg setzt neue Maßstäbe bei der Barrierefreiheit.
  • Der „ICE L“ ist mit Lok und Wagen insgesamt 256 Meter lang.
  • Ein Zug besteht aus einer Mehrsystemlok und 17 Wagen.
  • Die Höchstgeschwindigkeit des „ICE L“ beträgt 230 km/h.
  • Insgesamt bietet der „ICE L“ 562 Sitzplätze, die sich in 85 Sitzplätze in der 1. Klasse und 477 Sitzplätze in der 2. Klasse aufteilen.
  • WLAN, Bordbistro, Fahrgastinformationssystem sind an Bord.
  • Der „ICE L“ bietet Platz für acht Fahrräder.
  • Es gibt einen abgetrennten Kleinkind- und Familienbereich mit Spielfläche für Kinder: 46 Plätze im Familienbereich plus  im Kleinkindbereich.
  • Es stehen drei Plätze für Rollstuhlfahrer mit elektrisch-höhenverstellbaren Tischen zur Verfügung.
  • Um die Fahrzeuge zu testen, durchlaufen sie zunächst einen Probebetrieb. Die Erkenntnisse und Ihre Rückmeldungen werden für die Weiterentwicklung der Züge genutzt.
  • Durch sogenannte Einzelradfahrwerke wird Gewicht eingespart, da sie deutlich leichter sind als konventionelle Drehgestelle. Außerdem sinkt der Energieverbrauch.
  • Der ICE L ist unter anderem für Direktverbindungen in touristische Zielgebiete vorgesehen. Hier werden neue Zweikraft-Lokomotiven genutzt, die den ICE L auf noch nicht elektrifizierten Teilstrecken ziehen können.

Über Michael Jung

Jahrgang 1950, Dipl.-Volksw., arbeitete zuerst in einem Großkonzern der Mineralölwirtschaft und dann 28 Jahre bei einer deutschen Großbank, davon 10 Jahre lang im Bereich Finanzierung von Eisenbahn- und Nahverkehrsprojekten weltweit. Seit 8 Jahren ist er Sprecher der Bürgerinitiative Prellbock-Altona e.V., die sich für den Erhalt und Modernisierung des Fern- und Regionalbahnhofs Altona am jetzigen Standort einsetzt.

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