Wie man bei Reisenden Panik erzeugt
Die Fahrt mit dem ICE 519 am 23.7.26 sollte eigentlich von Hamburg-Altona nach Köln gehen, dann weiter mit ICE 14 nach Brüssel. Aber die Verbindungsbahn ist wegen Abriss der Sternbrücke gesperrt, daher wird der Zug erst ab Hamburg Hbf eingesetzt. Also mit der S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof. Erste Herausforderung: alle drei(!!!) Rolltreppen zum S-Bahn-Abfahrtsgleis am Bahnhof Altona sind defekt. Damit faktischer Fahrtausschluss für viele mobilitätseingeschränkte Personen. Dazu zähle ich zurzeit. Zum Glück hilft mir ein junger Mann beim Koffertragen. Die laut DB für die Verbindung vorgesehene S-Bahn soll um 9:24 fahren. Angesichts der kritischen Umsteigesituation und kaputter Aufzüge am Hbf entscheide ich mich, zwei S-Bahnen früher, also die um 9:10 zu nehmen. Man weiß ja nie, welche Überraschungen die DB für ihre Reisenden noch so auf Lager hat.
Der DB-Reisebegleiter sendet mit um 9:21 die erste Mail: „Änderung des Abfahrtgleises am Hbf von Gleis 14 nach Gleis 12“. Das ist gut, weil auf Gleis 14 der Aufzug für ein halbes Jahr wegen Umbauarbeiten außer Betrieb ist und es dort keine abwärtsfahrenden Rolltreppen gibt.
Zweite Mail um 9:26: „Ankunftsverspätung in Köln 5 Minuten“. OK, ich habe dort planmäßig 35 Minuten Aufenthalt, daher ist diese Info irrelevant. Woher weiß aber der DB-Rechner schon jetzt, dass der Zug in Köln 5 Minuten Verspätung haben wird, obwohl er ja erst um 9:44 ab Hamburg Hbf abfahren soll?
Die Zugbereitstellung erfolgt mit dem irreführenden Text auf dem Fahrzielanzeiger „Achtung Zugdurchfahrt“ schon um 9:25, also superpünktlich an Gleis 12.
Um 9:34 ploppt die 3. Mail auf, die aber nicht im allgemeinen Maileingang, sondern in der Rubrik „Verträge und Abos“ erscheint. Sie bezieht sich auf die laut DB vorgeschlagene S-Bahn-Verbindung. Daher heißt es nur lapidar: „Der Anschluss in Hamburg-Hbf. wird nicht erreicht.“ Das heißt nichts anderes: die S-Bahn um 9:24 ist massiv verspätet. Bei einer nach DB-Reiseplan vorgesehenen Umsteigezeit von 8 Minuten am Hbf wäre die Reisekette schon beim 1. Umstieg gerissen.
Der als durchfahrender Zug auch über Lautsprecher angekündigte Zug ist der ICE 519, auch mit korrekter Sitzplatzreservierungsanzeige. Er fährt auch nicht durch, sondern hält korrekt am Bahnsteig. Aber der Zug ist innen saudreckig, hat gefühlt seit drei Tagen kein Bahnbetriebswerk mehr gesehen, die Abfallbehälter quellen über, Krümel und leere Fastfood-Verpackungen auf Sitzen und Gängen. Willkommen bei der DB „Aufenthaltsqualität“. Und dieser Zug soll an diesem Tag noch über die große Schleife (Köln – Frankfurt – Stuttgart) bis nach München fahren. Ich möchte nicht wissen, wie der Zug dann aussieht. Man fragt sich unweigerlich: Sollen die Reisenden künftig nicht nur via Selbst-Check-In selber ihre Tickets entwerten, wozu sie via penetranter Durchsagen nach jedem Halt aufgefordert werden, sondern auch noch vor Fahrtbeginn den Zug reinigen?
Der Zug fährt immerhin pünktlich ab. Die Begrüßungsdurchsage durch den Zugchef besteht aus den üblichen Sprechblasen. Aber die wichtigste Information zur Fahrtroute wird unterschlagen, wenn gesagt wird, der Zug fahre über Bremen, Osnabrück, Dortmund, Köln, Frankfurt, Stuttgart und so weiter. Entweder hat es der Zugchef nicht so genau mit der Geographie des Bahnnetzes in Deutschland oder ihm ist das schnurzegal, weil man mittlerweile den Eindruck bekommt, die Motivation des von den falschen Managemententscheidungen (z. B. Generalsanierung) genervten Personals hat einen neuen Tiefstand erreicht. Die wirklich relevante Information für den geneigten Reisenden wäre doch: fährt der Zug zwischen Dortmund und Köln über Essen – Duisburg – Düsseldorf oder über Hagen – Wuppertag – Solingen? Letzteres war hier der Laufweg.
Fahrtverlauf bis Dortmund soweit OK, bis dort ein vorausfahrender/haltender Zug mangels ausreicher Zahl an Bahnsteiggleisen die Einfahrt in den Dortmunder Hbf um 7 Minuten verzögert.
Ab Dortmund zockelt der Zug im Schritttempo über die gerade „generalsanierte“ Strecke Dortmund – Hagen – Wuppertal. Entweder hat die Generealsanierung nichts gebracht oder ist immer noch nicht richtig fertig. Auf jeden Fall merkt der Reisende, wie sich eine Verspätung aufbaut. Daher ist die 4. Mail um 12:38 mit der Info: „Ankunftsverspätung in Köln 17 Minuten“ keine wirkliche Überraschung.
Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass offensichtlich an der Strecke nichts generalsaniert wurde. Der Sommerflieder zwischen den Gleisen seht in voller Blüte, und andere Sträucher, die sich gerne zwischen den Gleisen ansiedeln, zeigen sattes Grün.
Um 13:30 kommt die 5. Mail: „Verspätung in Köln 27 Minuten“. Jetzt wird es knapp. Es bleiben noch 6 Minuten zum Umsteigen, und das in dem notorisch vollen Kölner Hbf und dann noch mit Gleiswechsel.
Um 14:00 dann Mail Nummer 6: „Der Anschluss wird voraussichtlich nicht erreicht, Zugankunft in Köln 14:21“. Aber der Anschlusszug soll um 14:19 abfahren. Langsam wird auch der erfahrene Bahnreisende unruhig, geht es doch um den Anschluss an den ICE nach Brüssel, in dem es eine Platzreservierungspflicht gibt, da dieser Zug immer notorisch überfüllt ist. Und der nächste Zug fährt erst zwei Stunden später.
Auf den Infodisplays im Zug taucht der ICE 14 als erreichbarer Anschluss manchmal auf auf, dann wieder nicht. Der Zugchef sagt besser gar nichts. Dann – deus ex machina – fährt der Zug um 14:08 in Köln Hbf. ein. So ergibt sich eine komfortable Umsteigezeit von 11 Minuten.
Der ICE 14 nach Brüssel ist wider Erwarten bei Abfahrt nur halbvoll. Aber nahezu alle Sitzplätze sind reserviert. Es sieht ganz danach aus, dass viele Reisende aufgrund der völlig wirren Informationen sich gar nicht erst bemüht haben den Zug zu erreichen – und zwar vermutlich nicht nur Übergangsreisende aus dem ICE 519, sondern auch aus anderen Anschlusszügen. Spannend wäre zu wissen, wie viele Reisende ihre reservierten Plätze im ICE 14 nicht einnehmen konnten. Aber das weiß im Ernstfall nur die Datenkrake DB.
Nach Köln die nächste Überraschung: Der ICE fährt nicht auf direktem Weg via Düren von Köln nach Aachen, sondern macht einen einstündigen Umweg über Rheydt, macht dort Kopf und fährt dann über Erkelenz, Geilenkirchen, Übach-Palenberg, Aachen-West zum Aachener Hauptbahnhof, wo er erneut Kopf machen muss. Im Hoheitsgebiet der belgischen Bahn ist der Zug dann pünktlich, trotz zeitweiliger Umleitung vor Brüssel wird der dortige Anschlusszug erreicht, denn die SNCB hat sich nicht solche Engpassstellen in ihr Bahnnetz eingebaut wie die DB.
Fazit: Durch die von der DB-KI generierte Mailschwemme wird der Reisende in einem ständigen Panikzustand gehalten. Eine Trennung in für den Reisenden wirklich relevanten und irrelevanten Informationen findet nicht statt, insbesondere wenn Fahrplanabweichungen schon ab 1 Minute eine Mail auslösen. Dass Zugpersonale angesichts des Auseinanderklaffens von Infos, die sie erhalten, und Infos, die der Reisende erhält, unter Stress geraten und besser gar nichts mehr sagen, ist mehr als verständlich. Nur eine kleine Empfehlung, neben der besseren Koordination der Bauarbeiten und Beendigung des Generalsunsinns „Generalsanierung“: Die DB sollte ihre KI ein wenig besser trainieren!

