Aus der Schweiz nach Rom und Barcelona nur tagsüber, nie nachts?
Die Schweiz verabschiedete sich vor Jahrzehnten von ihren eigenen Nachtzügen mit der Begründung, man brauche sie innerhalb des eigenen, kleinen Landes nicht: In weniger als fünf Stunden kommt man von einem Ende des normalspurigen Netzes zum anderen, also etwa von Genf nach Bregenz oder Chur. Deswegen wolle man sich, so wurde es 2015 öffentlich verkündet, auf Verbindungen mit Tageszügen auf Mittelstrecken ins Ausland konzentrieren, während Nachtverbindungen von den Bahngesellschaften derjenigen Länder angeboten werden sollten, die längere Strecken aufweisen würden – gemeint waren natürlich die Staatsbahnen Deutschlands, Frankreich und Italiens.
Dann aber mehrten sich die Stimmen, die das für einen Fehler hielten, und irgendwann wurde auch seitens der SBB wieder von Nachtzügen nach Rom und Barcelona »geträumt«. Konkreter wurde es, als das Schweizer Parlament 2020 eine Flugticketabgabe beschloss:
2023 wurde ein Klimaschutzgesetz per Referendum gebilligt. Eine der Maßnahmen:
Das Parlament will das internationale Zugangebot verbessern, vor allem bei den Nachtzügen. Dafür stehen jährlich 30 Millionen Franken bereit.
Diese Förderung wurde für die Jahre 2025 bis 2030 beschlossen und umfasste folglich 180 Millionen Franken.
Dann aber entschied die Regierung, sich über dieses Gesetz hinwegzusetzen und das Geld für die Nachtzüge »einzusparen«:
Ab 2025 bekommt die SBB einen jährlichen Zustupf, um das Nachtzug-Netz auszubauen. Das wurde mit der Revision des CO₂-Gesetzes beschlossen. Die Expertengruppe empfiehlt, darauf wieder zu verzichten, minus 30 Millionen Franken pro Jahr.
Für SBB-Chef Ducrot ist klar: »Kommt dieses Geld nicht, dann kommen auch die geplanten Nachtzüge nach Rom und Barcelona nicht.« Das Angebot sei ein Minusspiel für die SBB, aus eigenem Sack könnten sie das nicht stemmen. Komme die finanzielle Unterstützung, könnten die Verbindungen schon nächstes oder übernächstes Jahr angeboten werden. Die Planung sei weit fortgeschritten.
Im Bundeshaus sind die Reaktionen auf den Plan des Bundesrats heftig. »Nach all den jahrelangen Diskussionen und Parlamentsbeschlüssen ist das ein absolutes No-go«, sagt Michael Töngi, Nationalrat der Grünen aus dem Kanton Luzern. Er ortet eine »grobe Missachtung des Parlaments«, das seit Ewigkeiten über Nachtzugverbindungen nach Rom und Barcelona diskutiere. Diese jetzt zu stoppen, sei inakzeptabel.
https://www.tagesanzeiger.ch/bundesrat-sperrt-geld-fuer-nachtzuege-per-sofort-421139764379
Im Dezember 2024 wurden knapp 60.000 Unterschriften unter eine Petition zur Rettung der Nachtzug-Förderung übergeben.
https://gruene.ch/medienmitteilungen/58640-unterschriften-zur-rettung-der-nachtzuege
Daraufhin beschloss der Nationalrat – die große Kammer des Schweizer Parlaments – am 5. Dezember 2024 die Freigabe der 30 Mio. Franken jährlich für Nachtzüge. Vier Tage später legte der Ständerat – die kleine Parlamentskammer = die Vertretung der Kantone – sein Veto ein.
Am 20. Dezember wurde ein Kompromiss verkündet: erstmal 10 Millionen Franken Förderung für 2025. Die Regierung hob dann fünf Wochen später die Kreditsperre auf und gab die Gelder frei.
Konnten Sie dem Krimi bisher folgen? Ich nenne es Krimi, weil ich es für einigermaßen kriminell halte, wenn sich die Exekutive weigert, Gesetze zu befolgen, weil sie bestimmten Leuten nicht in den Kram passen.
Die bittere Pointe kommt aber erst noch: Kaum war die gekürzte Förderung freigegeben, erklärten die Schweizer Bundesbahnen SBB wie aus heiterem Himmel, keine Nachtzüge nach Rom und Barcelona mehr anzustreben und nur noch auf Tagesverbindungen zu setzen!
Die NGO »umverkehR« lancierte sofort einen Offenen Brief:
https://www.umverkehr.ch/nachtzug-sbb
Liebe SBB
So geht das nicht! Versteckt in einer Mitteilung zur Bahnnutzung schreibt ihr überraschend, ihr wollt die Nachtzugprojekte nach Rom und Barcelona aufgeben:
»Im Rahmen der möglichen Förderung des grenzüberschreitenden Personenverkehrs durch das CO₂-Gesetz wird die SBB Projektgesuche einreichen, u.a. für die Vorbereitung eines Nachtzugs von Basel nach Kopenhagen/Malmö. Bei Verbindungen nach Rom und Barcelona liegt die Priorität auf neuen Tagesverbindungen anstatt auf neuen, auch längerfristig defizitären Nachtzügen.«
Die Wiederbelebung des Nachtzugs nach Kopenhagen (und Malmö) ist eine schöne Sache, aber keine Alternative zu den schon lange herbeigesehnten Nachtzügen auf die iberische Halbinsel und nach Italien. Spanien und Portugal sind Top-Flugdestination ab Schweizer Flughäfen. Es braucht einen bequemen Nachtzug als attraktive Alternative zum Flug, um eine wirksame Verlagerung zu erreichen. Das gilt auch für Reisen nach Mittel- und Süditalien.
Liebe SBB, haltet eurer Versprechen und bringt uns die Nachtzüge nach Barcelona und Rom zurück, auf die wir schon so lange warten!
Die Presse berichtet über die Pläne:
Zusammengefasst: Die Schweiz hat keine Züge, die schnell genug für die italienischen und französischen HGV-Strecken sind, muss also neue Züge kaufen.
Die Schweiz denkt ernsthaft darüber nach, durchgehende Züge nach London zu fahren, obwohl dafür an jedem Zustiegspunkt Hochsicherheits-Terminals notwendig sind und man die Anforderungen als »herausfordernd« und »anspruchsvoll« beschreibt – das dürfte im Klartext wohl heißen: Prestige geht vor Praktikabilität, denn über Direktverbindungen aus der Schweiz zum Bahnhof Lille Europe, wo dann das vorhandene Terminal beim Umstieg Richtung London durchlaufen werden kann, scheint man ebensowenig nachdenken zu wollen wie über getaktete Direktverbindungen nach Bruxelles Midi oder Paris Nord – richtig gelesen: Paris Nord, um mit diesem Schlenker um Paris herum direkt im Abgangsbahnhof der Eurostar-Züge zu landen.
Die SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar wird mit der Einschätzung zitiert, Reisende seien »bereit, länger im Zug zu sein« (länger als früher oder länger als im Flugzeug?) – »bis zu sechs Stunden«. Und dann fallen die Namen der Destinationen London, Rom und Barcelona.
London ist in dieser Zeit tatsächlich von Basel aus erreichbar, derzeit benötigen TGV und Eurostar zusammen 5:36 Stunden. Bei Rom ist von »unter sieben Stunden« die Rede – und die Fahrzeit nach Barcelona, die mit den derzeitigen Strecken kaum unter zehn Stunden gesenkt werden kann, wird vorsichtshalber gar nicht erwähnt.
Hier laufen die SBB in die übliche Falle, wenn Nacht- und Hochgeschwindigkeitszüge gegeneinander ausgespielt werden: zehn Stunden Fahrt am Tag machen diesen Tag für Geschäftsreisende und für Tourismus unbrauchbar. Man schaue sich die sechsstündige Verbindung zwischen Paris und Barcelona und die rund zehn Stunden dauernden Verbindungen zwischen Brüssel und Barcelona sowie Paris und Madrid an – im besten Fall gibt es dort zwei Verbindungen am Tag. Die Praxis widerlegt also das HGV-Anhimmeln mancher Kommentatoren wie hier von der NZZ:
Dank Neubaustrecken in der Schweiz und Italien ist die Fahrt nach Rom tagsüber in einer attraktiven Fahrzeit machbar.
Es geht hier um Strecken, die schon gebaut sind – im Unterschied zu Strecken, die noch gebaut werden müssten. Wenn Bestandsstrecken (noch) stärker ausgelastet werden als bisher, ist das natürlich preiswerter als eine Neubauatrecke.
Besser steckt der Bund die knapperen Mittel in eine gute Bahninfrastruktur. Fallweise ist es auch sinnvoll, weiterhin Ausbauten von grenzüberschreitenden Strecken zu unterstützen, die für die Schweiz wichtig sind, aber in Nachbarländern zu wenig Priorität haben – etwa von Genf nach Lyon.
Interessant, dass Milliardeninvestitionen in Tunnel und Schienen nicht als »Subventionitis« diffamiert werden – im Gegensatz zu ein paar Dutzend Millionen für der Betrieb der Züge.
Aber es ist auch die Rede von einer »attraktiven Fahrzeit«. Schauen wir uns die Realität an:
Zürich – Rom liegt heute bei 6:34 bis 7:11 Stunden und wäre mit einem Direktzug mit einem optimalen Trassenkorridor auf 6 Stunden reduzierbar. Basel-Rom läge dann bei 7 Stunden.
Da dürfte es durchaus Leute geben, die sagen »von 8 auf 14 Uhr« oder »von 16 auf 22 Uhr« ist attraktiv. Aber der halbe Tag ist weg, und wenn man aus der Provinz in die Provinz will, ist der ganze Tag weg.
Was auch dieser Kommentator nicht erwähnt, ist die zweite Wunschstrecke nach Barcelona. Hier kommt man nämlich derzeit via Genf bestenfalls auf 10:32 Stunden, direkt wären es vielleicht 9:30 Stunden. Das ist definitiv nicht attraktiv. Da ist selbst von Metropole zu Metropole der Tag im Eimer.
Und die obige Betrachtung bezieht sich nur auf das Quellgebiet Schweiz und blendet europäische Reiseketten aus, also etwa Frankfurt-Madrid oder Köln-Neapel, die als Kombination »HGV nach Zürich, Nachtzug nach Rom/Barcelona, HGV für den Süden« ideal zu machen wären.
Was ist so schwer daran zu begreifen, dass ein vernünftiges Angebot eben nicht bedeutet »ein- oder zweimal am Tag fährt ein Zug von A nach B«, sondern »von morgens bis nachmittags fährt alle zwei Stunden oder sogar jede Stunde ein Direktzug in sechs bis zehn Stunden von A nach B, und ein Nachtzug, der zwei Stunden länger braucht, schließt die riesige Lücke zwischen der letzten Abfahrt um 14 oder 16 Uhr und der ersten Abfahrt des nächsten Tages um 6 Uhr«?
Dank des Engagements von »umverkehR« und dank des Offenen Briefs gibt es jetzt wieder Hoffnung: die SBB und »umverkehR« haben jetzt über Nachtzüge gesprochen:
Gestern [am 26. März] haben wir den SBB 15.028 Unterschriften für Nachtzüge nach Barcelona und Rom übergeben und uns danach mit den Verantwortlichen der SBB zum Austausch getroffen. Dabei wurde deutlich, dass es jetzt ein klares und langfristiges Bekenntnis für die Nachtzüge durch Bundesrat und Parlament braucht.
Aber auch die SBB sind gefordert. Sie müssen jetzt sofort das Rollmaterial für diese Linien bestellen und dürfen nicht weiter zögern. Ansonsten verschiebt sich ein möglicher Start der Nachtzuglinien nach Barcelona und Rom immer weiter in die (ferne) Zukunft.
Bis die Nachtzüge nach Barcelona und Rom wieder rollen, braucht es weiterhin unseren hartnäckigen Einsatz.
https://www.umverkehr.ch/aktuell/medienmitteilungen/2025-03-26/uebergabe-offener-brief-sbb
Hier hätte die Geschichte vorläufig enden können: Das Parlament hat 30 Millionen Franken für Nachtzüge für 2025 beschlossen, die Regierung zahlt nur 10 Millionen Franken aus, weil sie »sparen muss«, und mit den »eingesparten« 20 Millionen stopft sie irgendwelche Löcher im Haushalt.
Aber dann enthüllt die Züricher »Wochenzeitung« am 27. März 2025: Die Regierung schenkt die 20 Millionen, die sie den Nachtzügen geklaut hat, der Flugindustrie! Das Geld stammt aus der CO2-Abgabe, ist also ausdrücklich dafür gedacht, die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Und nun wandert es in die Taschen der Lufthansa-Tochter Swiss – und das, obwohl die 2024 einen Gewinn von 684 Millionen Franken gemacht hat!
»umverkehR« ist empört und ruft auf, den Kampf gegen die Umweltzerstörungslobby zu verstärken: Züge statt Flüge, nicht umgekehrt!