rail blog 396 / Joachim Holstein

Nahverkehr statt ICE

Der »Spiegel« hat die Reisezeiten von ICE und Nahverkehrszügen bei einer Reihe von Direktverbindungen verglichen:

https://www.spiegel.de/mobilitaet/bus-bahn/deutsche-bahn-auf-diesen-strecken-wird-das-deutschlandticket-zur-ice-alternative-a-362aaed4-c03c-438d-a620-8c9db60d4676

Gut mithalten kann der Regionalverkehr, wenn er mit 190 oder 200 km/h schnellen Regionalzügen auf Neubaustrecken unterwegs ist: Fahrzeitverluste entstehen im Wesentlichen durch geplante Überholungen und das Interesse, die Regionalzüge an beiden Endbahnhöfen in den dort optimalen Taktzeiten verkehren zu lassen.

Dann gibt es Strecken, auf denen die ICEs nicht schneller vorankommen als die Regionalzüge und manchmal sogar länger brauchen: von Hamburg Hbf nach Kiel dauert es mit dem RE 73 Minuten, mit dem ICE aber 78 Minuten.

Kein Wunder, schreibt der Spiegel, dass etwa 15 Millionen Fahrten jährlich vom Fernverkehr auf den Nahverkehr verlagert wurden – mit dem Deutschlandticket hat man ja solche Strecken quasi gratis inkludiert.

Was der »Spiegel« nicht erwähnt, ist der Rückzug von DB Fernverkehr aus der Fläche. Der InterRegio wurde eingestellt, obwohl (oder weil?) viele Reisende vom ICE zum IR wechselten, vor allem, wenn sie merkten, dass sie dort teilweise nur halb so viel bezahlen mussten oder nicht umzusteigen brauchten. Einige Linien wurden und werden mit ICE-Rollmaterial bedient, das teilweise mit 80 km/h durch die Täler kurvt und in Städtchen wie Wabern, Treysa, Friedberg, Weinheim oder Wiesloch-Walldorf hält, Letzteres sicher wegen SAP …

Kassel-Frankfurt dauert mit so einem Hochgeschwindigkeitszug 2 Stunden und 2 Minuten und kostet regulär 60,90 Euro pro Strecke. Der Regionalexpress braucht nur 8 Minuten (6,5 Prozent) länger und bringt einen für 63 Euro im Monat beliebig oft hin und zurück.

Stuttgart-Nürnberg: im Intercity 2:09 Stunden, im RE 2:24 Stunden.

Karlsruhe-Offenburg: im ICE 28 oder 35 Minuten, im RE 47 Minuten.

Saarbrücken-Mannheim: im TGV oder ICE 1:16 bis 1:33 Stunden, im RE 1:33 Stunden (bei 3 zusätzlichen Halten).

Und dann gibt es Verbindungen, bei denen man mit dem Regionalverkehr ziemlich geradlinig durchfahren kann, während der Fernverkehr große Umwege macht, weil er ja vorzugsweise in den Korridoren der »Rennstrecken« verkehrt. Der »Spiegel« nennt München-Passau als Beispiel: 2:15 Stunden braucht der peinlicherweise nur alle zwei Stunden verkehrende direkte RE, während der einzige ICE des Tages mit dem Umweg über Regensburg 2:33 Stunden unterwegs ist.

Schön auch die Verbindung, die einst von »Stiftung Warentest« als Referenz für einen Test der Beratungsqualität herangezogen wurde – der Test fiel ziemlich blamabel für die DB-Reisezentren aus. Man kann das heute noch nachvollziehen: Neben dem im Stundentakt verkehrenden RE mit 2:18 Stunden Fahrzeit gibt es derzeit täglich drei (nur drei!) Direktverbindungen mit Fernzügen. Der ICE Köln-Dresden braucht auf diesem Abschnitt 2:08 Stunden und kostet mit dem Flexpreis 70,50 Euro, die beiden IC von Köln nach Gera brauchen 2:13 bzw. 2:15 Stunden und kosten flexibel 63,90 Euro. Damals, beim Test, waren es InterRegio, die diese Strecke direkt bedienten. Was aber verkauften die meisten Reisezentren ihren Kunden? Eine ICE-Fahrt via Hannover, mit dortigem Umsteigen, Fahrzeit genau 3 Stunden. Heutiger Flexpreis: 113,20 Euro.

Zur Ausbildung bei der DB gehört eigentlich der Bereich »Verkehrsgeographie« – damit man weiß, dass es auch ein Frankfurt an der Oder gibt, und damit man nachfragt, wenn jemand nach Neustadt will. In meinem Blog 42 schrieb ich über die Familie, die nach Limone sul Garda wollte, aber ein Ticket nach Limone Piemonte bekam. Früher kannten manche Bundesbahner quasi das Kursbuch auswendig, aber schon in den Neunzigern bekam ich mit, dass am Hamburger Hauptbahnhof einer Reisenden, die nach Vigo wollte (dort, in Galicien im Nordwesten der iberischen Halbinsel, spielte der SC Freiburg neulich sein Viertelfinale) und die nicht den Direktzug Paris-Vigo mit Liegewagen empfohlen bekam, sondern von Paris via Lyon und Barcelona nach Madrid fahren sollte …

Viel zu viele sitzen seit der Abschaffung der Kursbücher leider bei der DB vor dem Computermonitor und »kennen« nur das, was dort steht. Wenn der stündliche RE von Stuttgart nach Würzburg 2:14 Stunden braucht, die ICE-Verbindung mit Umsteigen in Frankfurt aber 2:58 Stunden und mehr, dann sehen sie das noch. Was aber, wenn die Reise bis Fulda gehen soll und die Kombination aus RE nach Würzburg und dem ICE nach Fulda zwar 30 Minuten länger braucht als die ICE-Verbindungen via Mannheim und Frankfurt, aber dafür 10 Euro weniger kostet, wenn man die gesamte Strecke bezahlen muss, und volle 50 Euro billiger ist, wenn man ein Deutschlandticket hat und nur für die 34 Minuten im ICE bezahlen muss?

Was wird dem Reisenden angeboten, der von Würzburg nach Erfurt will? Der im Deutschlandticket enthaltene Direktzug via Meiningen und Suhl mit 2:20 Stunden Fahrzeit oder nur die schnellste Verbindung mit Umsteigen in Bamberg für 119,70 Euro?

Ja, man kann nachvollziehen, dass das Deutschlandticket zu einer Verlagerung von DB Fernverkehr zu DB Regio und den vielen Konkurrenzanbietern geführt hat, auch wenn manches Rollmaterial für Rückenbeschwerden und leere Handyakkus sorgt – aber wenn daraufhin DB Fernverkehr mit Preisen von 6,99 Euro für kurzfristig gebuchte Fahrten im Sommer gegensteuern will, dann klingt das eher nach Kannibalisierung als nach durchdachter Strategie.

Und nun stelle man sich einfach mal vor, diese Bundesregierung hätte das Sondervermögen nicht für eine Subventionierung der Mineralölgesellschaften und der Flugindustrie missbraucht, sondern einen Teil für die Anschaffung von Zügen verwendet, die die riesige Lücke zwischen ICE und RE schließen und flächendeckend unterwegs sind …wäre InterRegio nicht ein schöner Name für solch einen „menschlichen Zug“, wie ihn unser im März 2025 verstorbener Bürgerbahner Karl-Dieter Bodack einst entwickelte und bezeichnete?

Über Joachim Holstein

(*1960) arbeitete von 1996 bis 2017 als Steward in Nacht- und Autozügen der DB, war von 2006 bis zur Einstellung dieser Verkehre Betriebsrat der DB European Railservice GmbH und zuletzt Sprecher des Wirtschaftsausschusses. Mitbegründer der Initiative zur Rettung des Nachtzuges Hamburg-Paris (2008; »Wir wollen nach Paris und nicht an die Börse«) und des europäischen Netzwerks für Nachtzüge »Back on Track« (2015; https://back-on-track.eu/de/); Weiteres unter www.nachtzug-bleibt.eu

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