rail blog 395 / Joachim Holstein

Ticket-Roulette

Hereinspaziert ins Bahn-Casino! Finden Sie es noch zu wenig extrem, dass Sie für dieselbe Strecke im selben Zug 21 Euro, aber auch 366 Euro bezahlen können? Dann hat die DB jetzt ein neues Angebot für sie:

Das Restplätze-Roulette! Bei 6,99 Euro geht es los, für BahnCard-Inhaber schon bei 5,24 Euro!

Zwischen Samstag 9. Mai und Sonntag 13. September können Sie jeweils von Samstag 00:00 Uhr bis Sonntag 24:00 Uhr »Sparpreise ab 6,99 Euro für die Folgewoche« buchen.

Die DB nennt das allen Ernstes »Freiheit auf Schienen«.

https://www.bahn.de/angebot/sparpreis-flexpreis/super-sparpreis-lastminute

Diese »Freiheit« sieht so aus:

  • Nur am Wochenende für die Folgewoche (Montag bis Sonntag) buchen.
  • Je nach Verfügbarkeit – Wetten, dass die DB nicht anzeigen wird »noch xx Plätze für diesen Preis verfügbar«?
  • Ab 6,99 Euro – Wir dürfen uns überraschen lassen, wie weit man für dieses Geld kommt und was der Einstiegspreis für Hamburg-München oder Köln-Berlin sein wird.
  • Nur solange der Vorrat reicht – Siehe Verfügbarkeit: Beim Discounter sehe ich, wenn die Palette mit den Schnäppchen so gut wie leer ist, bei der DB bisher nicht.
  • Kein Storno, außer in den ersten 180 Minuten nach der Buchung
  • Zugbindung im Fernverkehr wie bei Sparpreisen, Vor- und Nachlauf im Nahverkehr frei
  • Geltungsdauer bis 10 Uhr des Folgetages

Wir können gespannt sein, wie die Preise real aussehen werden und wie sich das Buchungsverhalten gestalten wird.

Machen wir mal einen kleinen Test. Heute am Sonntag 3. Mai lassen wir uns die Normalpreise und die „Bestpreise“ anzeigen für: Hamburg-Würzburg, Kiel-Ulm, Berlin-Karlsruhe, Dresden-München, Stuttgart-Nürnberg und Norddeich-Berchtesgaden. Die Option „schnellste Verbindungen anzeigen“ ist nicht aktiv. Reisetag A: Pfingstmontag 25. Mai (dürfte bereits gut gebucht sein); Reisetag B: Mittwoch 16. September (letzte Aktionswoche). Alle Preise ohne BahnCard-Rabatt und ohne Nutzung des Deutschlandtickets, damit sie mit den plakatierten 6,99 Euro kompatibel sind. Nicht gewertet werden Verbindungen, bei denen man nachts mit mehrstündigem Umsteigen und/oder auf Riesen-Umwegen durchs Land geschickt wird, etwa in knapp 11 Stunden von Hamburg nach Würzburg via Koblenz mit Umsteigen in Frankfurt.

Relation, sortiert nach Flexpreis aufsteigend25.5.25.5.16.9.16.9.
 FlexSSP abFlexSSP ab
Stuttgart – Nürnberg62,2017,9955,409,99
Hamburg – Würzburg175,7037,99156,4017,99
Dresden – München (via Erfurt)182,7047,99162,5019,99
Berlin – Karlsruhe210,4037,99187,2017,99
Kiel – Ulm223,2082,99192,3037,99
Norddeich – Berchtesgaden230,20102,99204,9048,99

Große Überraschung: Die Aktionspreise von 6,99 werden jetzt schon angezeigt: für 6,99 Euro kommt man zum Beispiel am 16. September von Stuttgart nach Crailsheim fahren, also die halbe Strecke nach Nürnberg. Oder Göttingen-Kassel am 5. Mai spätabends. Oder Hamburg-Bremen am 5. Mai frühmorgens und spätabends. Ich kann mich bis zum Button »Jetzt kaufen« durchklicken.

Wie war das mit dem »nur für die Folgewoche von Montag bis Sonntag“?

Ich melde mich dann zu Pfingsten mit dem Update für Pfingstmontag J und Mitte September mit dem Update für den 16. September.

Und bis auf Weiteres bin ich der Auffassung, dass »Freiheit auf Schienen« eher dadurch verwirklicht werden kann, dass ein »Flexpreis« wie einst zu Bundesbahnzeiten bei einfacher Fahrt vier Tage und bei Hin- und Rückfahrt einen Monat Geltungsdauer in allen Zügen, die so halbwegs in der Richtung fahren aufweisen würde (für Hamburg-Stuttgart stand da »DU – FD« als westliche und östliche Begrenzung, weiter östlich als Fulda und Göttingen war damals ja Ausland). Und: Eine Fahrt von Hamburg nach Würzburg kostete 1982 knapp 90 DM. Wären die Fahrpreise bei der Bahn nur so stark gestiegen wie die allgemeine Inflation, dann dürfte das Ticket heute nur rund 110 Euro kosten, meinetwegen noch plus 10 Euro ICE-Zuschlag. Aber eben keine 175 Euro.

Über Joachim Holstein

(*1960) arbeitete von 1996 bis 2017 als Steward in Nacht- und Autozügen der DB, war von 2006 bis zur Einstellung dieser Verkehre Betriebsrat der DB European Railservice GmbH und zuletzt Sprecher des Wirtschaftsausschusses. Mitbegründer der Initiative zur Rettung des Nachtzuges Hamburg-Paris (2008; »Wir wollen nach Paris und nicht an die Börse«) und des europäischen Netzwerks für Nachtzüge »Back on Track« (2015; https://back-on-track.eu/de/); Weiteres unter www.nachtzug-bleibt.eu

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