Wie die DB systematisch die Fahrgäste gegen Radler aufbringt
Geplante Fahrt am 19.8.2026 mit ICE 602 von Berlin Hbf nach Hamburg Hbf ohne Zwischenstopp, eigentlich keine risikobehaftete Bahnverbindung. Für diesen Zug wurden im Rahmen des Super-Wochenendangebots „Fahrkarten ab 6,99“ Schnäppchentickets angeboten.
Anderthalb Stunden vor Abfahrt die erste Mail: „Auf ihrer heutigen Reise von Berlin Hbf nach Hamburg-Altona um 11:37 setzen wir ein anderes Fahrzeug ein. Ihre Verbindung fährt nun unter der Bezeichnung ICE 2792“ Die Änderung der Zugnummer ist für den Reisenden primär egal, wenn der Zug überhaupt fährt. Sie stiftet eher Verwirrung.
Und jetzt beginnt die DB-KI fortlaufend Mails auszuspucken:
Mail Nr. 2: „Abfahrtverspätung 9 Minuten“.
Mail Nr. 3: „Ankunftsverspätung 14 Minuten, S-Bahn-Anschluss am Hbf wird nicht erreicht“. Das ist bei einer S-Bahn, die auf dieser Strecke im 5-Minuten-Takt fährt, völlig irrelevant. Und das weiß die DB KI schon um 9:53!
Mail Nr. 4: um 10.41: „Abfahrtverspätung um 20 Minuten“.
Mail Nr. 5: um 10:41: „Ankunftsverspätung um 26 Minuten“.
Mail Nr. 6: um 11.45: „Abfahrtverspätung um 30 Minuten“. Aber angesichts des Chaos an dem Bahnsteig, an dem vorher noch ein anderer ICE nach Frankfurt/Main abfahren sollte, war auch das schon als unrealistisch einzuschätzen.
Mail Nr. 7 um 11:47: „Ankunftsverspätung um 36 Minuten“.
Mail Nr. 8 um 12:06: Gleisänderung, zum Glück am selben Bahnsteig, weil das ursprüngliche geplante Abfahrgleis noch durch den verspäteten ICE nach Frankfurt belegt war.
Mail Nr. 9 um 12:26: „Ankunftsverspätung in Hamburg um 46 Minuten“.
Mail Nr. 10 um 12:39: „Ankunftsverspätung um 58 Minuten“.
Eine Stunde vor effektiver Ankunft nach genau 10 Mails stellte die DB-KI ihren „Service“ ein. Die effektive Ankunftszeit war dann 14:37, also 73 Minuten Verspätung im Vergleich zur Planankunft um 13:24 Uhr!
Der Clou der Geschichte war: Es war (mal wieder) ein ICE4 mit einem technischen Defekt ausgefallen. Der als Ersatzzug eingesetzte ICE1 gehörte der auf 9 Wagen verkürzten Baureihe nach der 2. Lifetime-Extension an, hatte also 200 Sitzplätze weniger als der ausgefallene Zug (ICE 4 mit 12 Wagen). Zudem hat der ICE 1 keine Fahrradstellplätze, die hatten aber nun Radler in dem ausgefallenen Zug gebucht. Folglich sperrte das Zugpersonal 4 Abteile in dem Ersatzzug, um dort 8 Fahrräder unterzubringen. Damit fielen weiter 24 Sitzplätze weg, was eine besondere Freude bei den Reisenden auslöste, die in diesen Abteilen Platz genommen hatten. Da die DB bei Fahrradtransporten eine völlig absurde Sicherheitsideologie verfolgt, dass alle Räder entweder eingehängt oder eingeklemmt sein müssen und Räder in den Waggondurchgängen nicht geduldet werden, musste der Zug noch einmal außerplanmäßig in Berlin Spandau halten, bis alle Räder zur Zufriedenheit des Personals verstaut waren. Selbst die Eigentümer der Räder durften – angeblich „aus Sicherheitsgründen“ – nicht in den Abteilen mit ihren Rädern Platz nehmen, sondern mussten die Zufahrt in dem völlig überfüllten Zug auf dem Boden sitzend verbringen. Zudem erhöhte die ganze Aktion mit dem „DB-gerechten“ Verstauen der Räder, einschließlich des dafür notwendigen Zusatzhaltes in Berlin-Spandau die Verspätung enorm, so dass die erstattungsfähige 60-Minuten-Marke geknackt wurde. Das hat sicher manche Passagiere erfreut, aber die meisten, besonders diejenigen mit Kindern, die noch weiter nach Schleswig-Holstein wollten, waren definitiv gefrustet, weil sie ihre Anschlusszüge verpassten und dann wohlmöglich mehr als 2 Stunden später am Zielort ankamen und zudem sich am Hamburger Hauptbahnhof mit ihrem Gepäck noch in übervolle S-Bahnen quetschen durften, um die Anschlusszüge in Hamburg-Altona zu erreichen. Den Frust dieser Passagiere bekommen zuerst das Zugpersonal und dann die Radler ab. Bei intelligenterer Organisation wäre sicher beides vermeidbar.
Aus dieser Erfahrung stellen sich drei Fragen. Zum einen: Warum wurden bei dem letzten Refurbishment der ICE-1-Züge nicht einfach 2 Abteile herausgenommen, dann hätte man ganz leicht Platz für 8 Räder? Zum zweiten: Warum werden für solche Züge, die erfahrungsgemäß in der Urlaubszeit gut gebucht sind, noch die ultrabilligen Wochenend-Schnäppchenpreis-Tickets verkauft? Überfüllte Züge können einem den Spaß am Bahnreisen nachhaltig verderben. Zum dritten: Warum haben Ersatzzüge – dieser wurde schon in München eingesetzt – nicht annähernd die gleiche Sitzplatzzahl wie die zu ersetzenden Züge?
Fazit: Radtransport in ICE-Zügen kann vielleicht auf einigen Strecken schneller sein, ist aber nur ein schlechter Kompromiss. Wie war es doch zu Zeiten der Interregiozüge einfach, Räder umsteigefrei in die Urlaubsgebiete mitzunehmen. Dort gab es in den Steuerwagen eine ausreichende Anzahl von Radstellplätzen, das Einladen war einfacher und die Langläufer wie z. B. Flensburg–Konstanz oder Oberstdorf–Dortmund verbanden ideal die Urlaubsregionen und aufkommensstarke Quellgebiete (Hamburg, Hannover, Ruhrgebiet, Frankfurt) miteinander.

