Von wegen Bürokratieabbau
Es gibt – endlich! – ein Produkt im ÖPNV, welches klar, einfach verständlich und ebenso simpel einsetzbar ist: das Deutschlandticket. Dies sollte eigentlich bundesweit zu einheitlichen Konditionen nutzbar sein. Aber die regionale Politik ist immer mehr dabei, Sonderformen zu entwickeln, mit der gut gemeinten Absicht, politische Wohltaten auszustreuen. Nebeneffekt dabei ist: die Tariflandschaft wird wieder unübersichtlicher.
Eine dieser mit der Gießkanne unabhängig von Einkommensgrenzen verteilten Wohltaten ist die Absenkung des Preises des Deutschlandtickets für Senioren in Hamburg von 63,- auf 49,- Euro ab dem 1. Mai 2026. So weit, so gut. Das spart den Begünstigten unabhängig von der Höhe der Rente oder Pension 168,- Euro im Jahr. Da kann man sich eigentlich freuen.
Aber dann flattert einem ein Brief des Hamburger Verkehrsverbundes ins Haus, in dem die Preissenkung angekündigt wird mit dem Hinweis: „Aktualisieren Sie Ihre hvv Card an einem Fahrkartenautomaten mit e-Ticket-Funktion (info unter hvv.de) oder ein einem Prüfgerät, welches Sie im Vordereinstieg in vielen Bussen finden“.
Da steht der ältere Mensch, in digitalen Dingen wenig bewandert, erst einmal wieder wie der Ochs vor dem Berg. Man lernt, dass es HVV-Automaten mit E-Ticket Funktion gibt, das war bisher unbekannt. Eigentlich wollte man nach dem Abonnieren des D-Tickets mit verwirrenden Fahrkartenautomaten nichts mehr zu tun haben. Man lernt ferner, dass nicht alle, aber viele Busse ein Prüfgerät für das D-Ticket haben. Man lernt weiterhin, dass man, sollte man mit einem nicht neu initialisierten D-Ticket bei einer Kontrolle erwischt wird, als Schwarzfahrer gilt. Irritiert meldet man sich bei der HVV-Hotline, die einem nach umständlichen / unverständlichen Erklärungen empfiehlt, zur nächsten HVV-Verkaufsstelle zu gehen. Dort erfährt man zuerst, dass den Mitarbeitern dort gesagt wurde, dass eine solche Aktualisierung nicht notwendig sei. Aber jetzt kämen immer mehr ältere D-Ticket-Inhaber und fragten, was sie denn unternehmen müssen. In der hvv-Verkaufsstelle allerdings sei eine Initialisierung nicht möglich. Aber eine nette Mitarbeiterin hat einen dann zu einem geeigneten Ticket-Automaten im Bahnhof Altona geleitet und die Aktualisierung vorgenommen.
Quintessenz der Geschichte: Der hvv hat das für Senioren preisreduzierte D-Ticket als „D-Ticket senior“ in seine Produktdatenbank eingepflegt. Und weil das daher ein neues Produkt sei, ist eine Neu-Initialisierung erforderlich. Wohl dem, der sich diesen Unsinn ausgedacht hat. – Denn eigentlich sollte das D-Ticket einen Beitrag zum Bürokratieabbau leisten. Aber offensichtlich finden unterbeschäftigte Bürokraten in den Verkehrsbetrieben clevere Möglichkeiten, neue Beschäftigung für sich zu entwickeln und den Kunden mit neuer Bürokratie zu belästigen.
Fazit: Das Rationalisierungspotential im Vertrieb und der Verwaltung des D-Tickets ist noch enorm. Angeblich soll der dezentrale Vertrieb des D-Tickets bundesweit 900 Mio. Euro kosten. Davon ließe sich sicher gut die Hälfte einsparen und für eine allgemeine Preisstabilisierung – besser noch Preissenkung! – des D-Tickets einsetzen!

