Wenn zu viel Information nur Verwirrung stiftet
Ohne Angabe seiner E-Mail-Adresse bekommt man auch am Fahrkartenschalter der DB keine Fahrkarte mehr. Bei der online Buchung liefert man diese Daten sowieso „freiwillig“ ab. Die DB verkauft das als Service, um den Fahrgast bei Verspätungen oder Zugausfällen schnell und lückenlos zu informieren. Das ist sicher bei Zugausfällen hilfreich. Ebenso wenn eine Anschlussverbindung nicht erreicht wird. Bislang erhielt man eine Nachricht bei einer Fahrplanabweichung, vulgo Verspätung, ab10 Minuten.
Mit den erweiterten technischen Möglichkeiten und KI meint die DB etwas Gutes für den Fahrgast zu tun, wenn schon Fahrplanabweichungen von einer Minute aufwärts dem Fahrgast mitgeteilt werden. Diese Mitteilungen erfolgen nicht nur einmal, sondern häufig im Minutentakt. Sie bilden den ganzen Verspätungsauf- und -abbau während einer Fahrt bis zum Einlauf in den Zielbahnhof ab.
Hier zwei Beispiele:
Beispiel 1:
Fahrt mit ICE 73 am 8.7. Abfahrt 9:44 ab Hamburg Hauptbahnhof, Ziel Frankfurt/Main Hbf
Zug fährt mit einer Verspätung von 5 Minuten ab
- Mail 10:26: Ankunftsverspätung 11 Minuten
- Mail 10:32: Ankunftsverspätung 5 Minuten
- Mail 10:40: Ankunft jetzt pünktlich
- Mail 11:12: Ankunftsverspätung 19 Minuten
- Mail 11:28: Ankunftsverspätung 14 Minuten
- Mail 11:46: Ankunftsverspätung 20 Minuten
- Dann Funkstille
- Effektive Ankunft 14:19; also nur 5 Minuten nach fahrplanmäßiger Ankunft 14:14!
Fazit: die 6 Mails waren komplett überflüssig, zumal ich keinen Anschlusszug gebucht hatte, sondern eine reine Punk-zu-Punkt Verbindung nutzte. Bei jeder Mail meldet sich das Smartphone, unweigerlich schaut man drauf und wird unruhig. Dadurch wird man entweder beim Arbeiten, Lesen oder Nickerchen gestört und abgelenkt. Man fragt sich dann, was soll der ganze Unsinn: will die DB damit beweisen, dass sie in der Lage ist, den Kunden in Echtzeit zu informieren, oder doch nicht? Eine einzige Information über eine mögliche Ankunftsverspätung so ca. 30 Minuten vor Ankunft im Zielbahnhof hätte es auch getan, zumal wenn die Verspätung nur ca. 15 Minuten oder weniger ausmacht und kein Anschluss verloren geht.
Und übrigens: in den ICE-Großraumwagen gibt es Bildschirme unter der Decke, auf denen die Fahrtdaten angezeigt werden, und dann ist ja auch noch Personal an Bord, zu dessen Aufgaben es auch gehört, Verspätungen und eventuelle Probleme mit Anschlussverbindungen durchzusagen.
2. Beispiel: Zugfahrt Berlin Hbf nach Lüneburg mit Umsteigen in Büchen. Geplante Fahrt am 10.6.26 mit ICE706, Planabfahrt 18:09 ab Berlin Hbf, Umstieg in Büchen und Ankunft in Adendorf (als Ersatz für Lüneburg, weil die DB dort seit 5 Jahren an Brücken rumbastelt) um 20:22 Uhr. Der SEV Adendorf – Lüneburg wurde nicht genutzt.
1. Mail: 16:24 Abfahrt ICE 706 verzögert sich um 15 Minuten
2. Mail: 16:24 Ankunft in Büchen mit 23 Minuten Verspätung, damit wäre die Anschlussverbindung nicht zu halten, denn die planmäßige Umsteigezeit in Büchen für den Zug nach (Adendorf (Lüneburg) betrug eigentlich auskömmliche 19 Minuten. Folgerichtig teilte die DB mit: Die Zugbindung ist aufgehoben. Sie können jeden früheren oder späteren Zug nehmen, sie haben auch eine freie Wahl der Reiseroute. Das heißt: man hätte auch über Hannover fahren können, das ging aber nicht, weil die Strecke Hannover – Lüneburg gesperrt ist.
Was macht der erfahrene Bahnreisende, wenn er nach Blick in den DB Navigator feststellt, dass es am Freitagabend nur wenige attraktive Fahrverbindungen von Berlin nach Lüneburg gibt: Er geht zum Bahnhof, um die Lage zu peilen, weil sich häufig die Dinge dort anders darstellen als in den elektronischen Medien. Der Autor stellt fest: Die nächste sinnvolle Verbindung ist mit ICE 506 über Hamburg Hbf nach Kiel Abfahrt 17:37 ab Berlin Hbf, um von Hamburg Hbf mit dem RE 3 nach Lüneburg zu gelangen. Risiko dieser Verbindung ist: nur 5 Minuten Umsteigezeit in Hamburg Hbf mit Gleiswechsel von Gleis 5 nach Gleis 13. Aber eine Stunde später gibt es ja wieder einen RE3 nach Lüneburg. Da der ICE 506 als pünktlich angezeigt wird, begibt man sich vorzeitig zum Berliner Hauptbahnhof, um diesen Zug zu nehmen.
Da man in der elektronischen Reisendenüberwachung noch als Reisender für die ICE 706 notiert ist, erhält man dann die nachstehenden Mails:
3. Mail: 17:58 Ankunft in Büchen + 8 Minuten, also der Umstieg hätte wieder gepasst.
4. Mail: 17:58 Abfahrt ICE 706 + 1 Minute
5. Mail: 18:24 Ankunft in Büchen +2: Also Anschluss war erreichbar, alles nur ein Sturm im Wasserglas?
Der Clou der Geschichte: ICE 506, ohne Zwischenhalt zwischen Berlin Hbf und Hamburg Hbf, erreicht den Hamburger Hauptbahnhof mit 5 Minuten Verspätung. Wäre der RE3 nach Lüneburg planmäßig gefahren, hätte man diesen nicht mehr erreicht und hätte eine Stunde warten müssen. Aber der RE 3 hatte „glücklicherweise“ 25 Minuten Verspätung, sodass man diesen gut erreichen konnte. Er kam dann in Lüneburg um 20:45 an.
Fazit hier: Durch die Reisendenlenkung und Aufhebung der Zugbindung war der ICE 706 ab Berlin bis Hamburg prügelvoll. Effektiv ist man 32 Minuten früher aus Berlin abgefahren und hat den Zielort knapp eine halbe Stunde später erreicht. Also hat die DB einem durch ihre wirre Kommunikation eine Stunde geraubt. Hätte man nicht auf sein Smartphone geguckt, wäre der ganze Rummel an einem vorübergegangen, und man wäre ohne Stress und höchstwahrscheinlich pünktlich mit dem ICE 706 und dessen Halt in Büchen an sein Ziel Adendorf (als Ersatz für Lüneburg) gelangt.
Umfassende Information ist nicht immer besser, verwirrt den Reisenden und ist am Ende teuer und verspielt jegliche Glaubwürdigkeit der DB bei den Reisenden, weil man den Eindruck gewinnt, hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut.
Man könnte es auch anders interpretieren: Die DB veranstaltet die wirre Informationsüberflutung absichtlich, um eine Legitimation für die neue „DB-Info-App“ zu schaffen. Diese wird derzeit aufwendig für 50 Mio. Euro entwickelt, um die Forderung des Bundesverkehrsministeriums, dass der DB-Navigator gemäß EU-Vorgaben anbieterneutral der DB InfraGO unterstellt werden soll, zu unterlaufen. Denn DB Fernverkehr sieht den DB-Navigator als sein zentrales Absatzinstrument, welches er nicht für den Fahrkartenverkauf von Drittanbietern wie Flixtrain und Italo öffnen möchte.

