rail blog 405 / Joachim Holstein

Die Weiterarbeit des Verkehrsministeriums verzögert sich auf unbekannte Zeit.

Grund: spielende Männer im Kanzleramt

Bis zum 24. Juli 2026 war mir der Name Fritz Güntzler gänzlich unbekannt. Dann wurde er als Nachfolger für Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder genannt – bis er höchstselbst den Posten ablehnte: er sei nämlich Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und daher bezüglich Verkehr ein Laie und kein Fachmann.

Diese konsequente Selbsteinschätzung illustrierte er mit einem Vergleich, der das Zeug zur Legende hat:

»Ein Torwart sollte nicht Linksaußen spielen.«

Die meisten Fußballfans kennen den alten Spruch, dass Torhüter und Linksaußen alle einen an der Klatsche hätten, und der SC Freiburg hat gerade für 15 Millionen Euro einen Torwart gekauft, der seine Karriere als Linksaußen begann, aber der Göttinger Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler hat offenbar genügend Verstand und Mumm, um sich einer »Beförderung« nach dem »Peter-Prinzip« (das mit dem Level der Inkompetenz) zu verweigern – eine löbliche Ausnahme in einem Kabinett, das von jemandem angeführt wird, der vor der Kanzlerschaft noch nie ein politisches Amt innehatte, nicht einmal als Stadtteilbeirat, und dessen neuer Gesundheitsminister sich vor einem Jahr als ungeeignet für diesen Posten einstufte.

Aber schauen wir uns doch mal die Kompetenz der bundesdeutschen Verkehrsminister an, ein kleines Ratespiel: Wer war wer? Aus Gründen der Fairness sei berücksichtigt, dass es in der BRD bisher elf reine »Verkehrsminister« gab, während sechs weitere Ressortchefs auch für Bau und Wohnungswesen bzw. Bau und Stadtentwicklung und vier – darunter einer kommissarisch, aber immerhin fünfeinhalb Monate lang – auch für Digitales bzw. digitale Infrastruktur zuständig waren:

Rechtsanwalt (vier Minister, darunter 1x *)

Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt *

Rechtsanwalt, Volkswirt

Volkswirt

Jurist, Justiziar für Warenverkehr

Jurist, Kirchenfunktionär *

Diplomsoziologe, Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens *

Historiker, Musiker, Kunstsammler *

Realschullehrer, Magister der Politikwissenschaft *

Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft *

Maurer, Gewerkschaftsfunktionär

Diplomingenieur (Bauwesen)

Diplomkaufmann, Müllermeister *

Diplomkaufmann, Ziegelfabrikant

Feinmechaniker, Fernmeldetechniker, REFA-Ingenieur

Industriekaufmann *

Ingenieur für industrielle Elektronik, für Informatik im Bauwesen, für Elektrotechnik *

Bergbauingenieur, Bergwerksdirektor, Geschäftsführer einer Mineralölgesellschaft

* Kombiniertes Ressort mit Bau / Stadtentwicklung oder Digitales

Fazit: Von 21 Ressortchefs kann man bei zweien, nämlich den auch für Bau zuständigen Ministern Kurt Bodewig (Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft) und Wolfgang Tiefensee (drei Ingenieursstudien, darunter Informatik im Bauwesen), und bei viel Wohlwollen auch bei einem dritten, nämlich dem Industriekaufmann Franz Müntefering, eine gewisse berufliche Qualifikation für das Zweitressort (Bau und Wohnungswesen bzw. Stadtentwicklung) erkennen. Aber niemand, auch nicht der über 17 Jahre lang amtierende Hans-Christoph Seebohm, hatte zuvor mit Verkehr zu tun, nicht mal als Busfahrer oder Flugbegleiter.

Warum ich diese beiden Berufe nenne? Weil keine Kritik an dem durch die USA entführten venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro ohne den Verweis auf seine frühere Tätigkeit als Busfahrer daherkommt, und weil der ersten prominenten Polit-Talkerin im deutschen Fernsehen, Sabine Christiansen, ihre mehrjährige Berufstätigkeit als Stewardess auch als eine Art Makel in der Biografie vorgehalten wurde. Die je nach politischer Ausrichtung der betroffenen Person und der über sie schreibenden Medien manchmal eher subtile, manchmal brachiale Herabwürdigung blieb an den Betroffenen quasi zeitlebens kleben – »der Buchhändler aus Würselen«  (Martin Schulz) und »der Dachdecker aus Wiebelskirchen« (Erich Honecker) dürften abgesehen vom »Kinderbuchautor Robert Habeck« die prominentesten Beispiele sein, wobei selbst manche Ortsnamen noch zum »Framing« beitragen.

Umgekehrt funktioniert das bezeichnenderweise nicht. Als der aus proletarischem Milieu stammende Bundeskanzler Gerhard Schröder den Verfassungs- und Steuerrechtler Paul Kirchhof, der schon als potenzieller Minister in einem Kabinett Merkel gehandelt wurde, als »diesen Professor aus Heidelberg« bezeichnete, ging der Angriff nach hinten los: Obwohl Schröder die von der Lebenswirklichkeit abgehobene Dogmatik Kirchhofs pointiert getroffen hatte, wurde ihm Respektlosigkeit vorgeworfen.

Fachfremde Akademiker, vor allem Juristen, hält das Milieu der Entscheidungsträger und Meinungsgestalter in diesem Land offenbar für wunderbar geeignet, um ein Fachministerium zu führen. Aber was ist mit jemandem, der aus der Praxis kommt? Der bei der Bahn gelernt und gearbeitet hat? Womöglich auch noch mit Gewerkschafts- und Politikerfahrung? Wäre so jemand als Verkehrsminister denkbar?

Wenn Sie jetzt »ja sicher!« oder zumindest »warum nicht?« sagen, dann habe ich einen Vorschlag. Manche werden ihn für einen »Linksaußen« halten, aber in Wirklichkeit hat er sogar das dasselbe Parteibuch wie der Kanzler: Claus Weselsky.

Über Joachim Holstein

(*1960) arbeitete von 1996 bis 2017 als Steward in Nacht- und Autozügen der DB, war von 2006 bis zur Einstellung dieser Verkehre Betriebsrat der DB European Railservice GmbH und zuletzt Sprecher des Wirtschaftsausschusses. Mitbegründer der Initiative zur Rettung des Nachtzuges Hamburg-Paris (2008; »Wir wollen nach Paris und nicht an die Börse«) und des europäischen Netzwerks für Nachtzüge »Back on Track« (2015; https://back-on-track.eu/de/); Weiteres unter www.nachtzug-bleibt.eu

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