5. Immanuel Kants Seelenlehre auf dem Zimmerboden?

Die Modelleisenbahn – Spielzeug oder mehr?

Teil 5 des fünfteiligen Gastbeitrags von Rolf Derenbach. Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 und Teil 3.und Teil 4.

Kann die Modelleisenbahn ein Nachbau unserer inneren, seelischen Welt sein? Warum nicht? Ist nicht unser Denkvermögen ganz ähnlich gelagert? Zwischen den Nervenbahnen und eingelagerten Verzweigungsschaltern bewegen sich die Gedankenzüge beladen mit Neuronengepäck in das Zentrum, den Bahnhof und das Stellwerk in unserem Kopf.

Schon der antike Philosoph Platon hat den Gedanken geäußert, dass in unserer Seele Regionen zu unterscheiden sind. Wir fühlen, wir denken, wir schlussfolgern und wir handeln, bereiten etwas vor. Gemüt, Verstand, Vernunft und Wille sind die vier Regionen, die in der Mitte verknüpft sind.

Unsere Schienanlage, die nach dem Vorbild eines Klees mit vier statt den üblichen drei Blättern angelegt ist, ist ein Modell dafür.

Das obere linke Blatt ist die Region des Fühlens. Das Schiff symbolisiert die äußere, dingliche Welt, der Kran die Sinnesorgane, unsere Fenster in die äußere Welt. Ständig lädt der Kran Informationen in den Kreis des Fühlens oder des Gemüts.

Diese Mitteilungen oder Empfindungen sind – je nach ihrer Reizwirkung – mehr oder weniger bedeutend, jedoch noch undeutlich. Sie entsprechen also noch nicht der Forderung René Descartes‘, dass unser Bewusstsein aus der Mannigfaltigkeit der äußeren Welt das herausarbeiten soll, was deutlich beschrieben und klar verstanden werden kann. Cogito ergo sum.

Daher werden sie mit Hilfe des Güterzugs oder über die Tannenzapfen in die rechte obere Region, die des Denkens überführt. Dort befinden sich die Begriffe, die nachhaltiger ins Bewusstsein rücken, was durch Anschauen und Empfindungen übermittelt wurde.

Die Region des Verstandes verwandelt die Anschauungen / Sinnesempfindungen vermittels der Begriffe in Vorstellungen. Und daraus ergibt sich das, was Immanuel Kant »Affiziert sein« nennt. Das heißt dasjenige Mitgeteilte, was das Interesse erregt. Der Gedankenzug geht also zurück zur Region des Fühlens und der Wahrnehmung und wählt dabei aus. Und wenn diese Auswahl geschehen ist, setzt das Denken neu an. Ich habe das einmal erlebt, als wir uns von Bonn aus Köln näherten, und ein Kind, in Ansehung (ein Lieblingsbegriff Immanuel Kants) der Türme des Kölner Doms fragte: Mama, ist das so eine Art Kirche? Es suchte ein Verständnis des Überraschenden. Würden wir dieses Auswählen nicht können, wir würden von der Mannigfaltigkeit der Welt und der Erlebnisse überwältigt werden.

Die Begriffe stehen aber nicht isoliert: Hat man etwas bezeichnet, so ergeben sich sofort diesbezügliche weitere Begriffe, denken wir Zugfahrt, so stellt sich gleich der Begriff Bewegung ein, sei es topographisch von A nach B oder mental als Erwartung und Begehren, eines schönen Urlaubs wegen. Es entsteht somit ein Begriffsnetz, eine Topik aus Begreifen und Wollen.

Aus dem Wollen, das auch Unzufriedenheit mit dem »Gegebenen« (ein weiterer Schlüsselbegriff Immanuel Kants) sein kann, geht der Gedankenzug zum Erdachten, symbolisiert als Bahnhof in einer nicht rein pragmatischen, sondern einer besonderen Gestaltung.

Und welche Rolle spielt die Region des Träumens / des Sinnens? Das brauche ich Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht zu sagen!

Wichtig im Modellnachbau ist, dass jede Zugfahrt möglich ist. Und diese Anforderung ist, wenn Sie in die Mitte schauen, gewährleistet.

Dass im Gegebenen das Mögliche ebenfalls vorhanden ist und gedacht werden kann, das bezeichnet Immanuel Kant als transzendentale Ästhetik. Ohne Übertragung zwischen den Kleeblättern blieben die Blätter ja isoliert, starr, leblos. Sie müssen in Verbindungen stehen, und so nehmen die Züge auf, was sie in dem einen Kleeblatt vorgefunden haben, sie umrunden es, prüfen, was dort an Wichtigem vorliegt, und verfrachten es in die anderen Kleeblätter, je nachdem, was der Wille, das Begehrende in uns, verlangt.

Es sind zwei Zugarten: Die Güterzüge verfrachten die Dinge, die Personenzüge verfrachten das, was uns, das Ich, an die anderen Ichs bindet, entweder mit Freuden oder mit Sorgen beladen.

Dort in der Wurzel der Blätter ermöglichen die Weichen die Übergänge. Wie sind sie gerade gestellt, wie und warum werden sie umgestellt? Jedenfalls können wir als Betreiber der Modellbahn entscheiden, wohin die Reise geht!

Am besten ist es, wenn wir alle möglichen Wege ausprobieren, das ist, was man Freiheit nennt. Der Charme des Modellierens besteht darin, dass wir mutig sind, sein können. »Das Leben hat viele Taschen, wenn man viel hineinzustecken hat« (Friedrich Nietzsche)[11].

Das Leben ist eine Reise, ein erlebnisreiches und gestaltetes Vorrücken in Raum, Zeit und Bewegung.

So ist auch die Modelleisenbahn beschaffen, und die kleine Lok, die vor sich hindampft und wie Immanuel Kant sich fragt »Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?«, nun, die sind wir selbst.

Wie immer freut man sich, wenn auf ein Schriftstück eine »Rückkopplung«, eine Antwort, erfolgt. Gerne auch per Mail an rderenbach@gmx.de


[10]   Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. (1788) Stuttgart 1981.

[11]   Friedrich Nietzsche: Menschliches – Allzumenschliches. (1878) München 1985.

Über Rolf Derenbach

Rolf Derenbach( 1944) Dr.-Ing., Studium der Architektur, Stadt- und Regionalplanung an der Hochschule für bildende Künste Berlin und an der Technischen Universität Berlin. 1973 Institut DATUM (Projekt zur Nutzung des Computers für die räumliche Planung), seit 1976 Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung mit den Themen Bildungsgeographie und eigenständige Regionalentwicklung durch Qualifikation und Innovation (einschl. Gutachten für die EU-Kommission). Seit 1989 Referent für Bildung, Kultur, Europa und internationale Partnerschaften. Nachberuflich: Schriften zur Architektur, Geographie, Geschichte und Philosophie, die im online Portal der Freien Universität Berlin verfügbar sind (refubium.fu-berlin.de).

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