rail blog 243 / Dieter Reicherter

Stuttgart 21:  Zu kleiner Bahnhof, brandgefährlicher Tunnel

Blicken Sie noch durch bei Stuttgart 21? – Artikelserie S 21, Teil 4

Es gibt zahlreiche ungelöste Probleme, wenn es um die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 sowie dem damit verbundenen Brandschutz- und Rettungskonzept geht. Eine Aufzählung würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wer sich über Einzelheiten informieren will, kann sich den S21- Film „Das trojanische Pferd“ des vielfach ausgezeichneten Regisseurs Klaus Gietinger anschauen – z.B. am Donnerstag, 30.11.2023, um 19:30 Uhr in der Kinothek Stuttgart-Obertürkheim.

Das Wegrollen ins Gleisbett droht

Im Untergrund ist viel zu wenig Platz, um einen leistungsfähigen, sicheren und zukunftsfähigen Bahnhof zu bauen. Wegen der S-Bahn- und Stadtbahntunnel muss der Tiefbahnhof mit einem Gefälle vom Sechsfachen des Regelwerts gebaut werden. Deswegen droht das Wegrollen von Rollstühlen, Kinderwagen, Gepäckstücken u.a. vom Bahnsteig ins Gleis. Hauptgefahr ist aber, dass ein einfahrender Zug nicht rechtzeitig zum Stehen kommt, bei Doppelbelegung auf den vorderen Zug aufprallt oder sich versehentlich in Bewegung setzt und Menschen mit sich reißt. Hinzu kommen betriebliche Einschränkungen wie Fahrstraßenausschlüsse und die Unmöglichkeit des Wendens.
Schon aus dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom 6.4.2006 ergibt sich, dass der Tiefbahnhof für die bis 2030 angestrebte Verdoppelung der Beförderungszahlen und die damit verbundenen Personenströme zu klein ist. Der richterlichen Segen wurde für höchstens 35 Züge in der Stunde erteilt. Diese sollten auf 8 Gleisen abgefertigt werden können. Dafür wurde eine „noch gute Betriebsqualität“ angenommen. Eine höhere Nachfrage sei für die nächsten 50 Jahre nicht zu erwarten.

Milchmädchenrechnung: 2 x 2 x 2 = 1

Tatsächlich sollen jedoch nach Inbetriebnahme etwa doppelt so viele Züge fahren. In jedem sollen auch noch doppelt so viele Menschen reisen. Pro Gleis sollen zwei Züge gleichzeitig halten. Die 4 Bahnsteige entsprechen mit 10 m Breite denjenigen im Berliner Hauptbahnhof. Zu diesem hat die Bahn gerade mitgeteilt, ein Umbau sei erforderlich, weil die Bahnsteige für den wachsenden Personenverkehr zu klein seien. An den gleich breiten Stuttgarter Bahnsteigen sind die Engstellen an Rolltreppen, Fahrstühlen und Treppen sogar noch schmaler als in Berlin.
Abhilfe für zu wenig Kapazität sollen nun Regionalbahnhöfe am Stadtrand in Vaihingen, Feuerbach und Bad Cannstatt schaffen. Das bedeutet konkret, dass viele Regionalzüge künftig nicht mehr zum Hauptbahnhof fahren. Reisende, die zu den Fernzügen wollen, müssen dann vom jeweiligen Regionalbahnhof mit der S-Bahn zum Tiefbahnhof fahren.

ICE-Brand am 12.10.2018 bei Montabaur

Vollbrand schon innerhalb von 10 Minuten

Nach dem Brandschutz- und Rettungskonzept sollen brennende Züge nicht im Tunnel anhalten, sondern bis zum Tiefbahnhof bzw. bis zu den Tunnelportalen fahren und dort evakuiert und gelöscht werden. Dazu müssen die Tunnelstrecke und die Gleise an den Bahnsteigen frei sein. Viel Zeit bleibt nicht, weil ein Vollbrand innerhalb von 10 Minuten entstehen kann. Zudem müssen sich auch die vielen Menschen am Bahnsteig und im Bahnhof in Sicherheit bringen, was mit den geplanten Personenzahlen unmöglich ist. Der Zugang für Feuerwehr und Rettungskräfte in den unterirdischen Bahnhof ist weit schwieriger als beim Kopfbahnhof. Schon im normalen Reisebetrieb, aber erst recht bei einer Evakuierung, sind z. B. mobilitätseingeschränkte Menschen und Familien mit kleinen Kindern benachteiligt.

Selbst retten – innerhalb von 15 Minuten?

Sollte ein brennender Zug im Tunnel liegenbleiben, ist Hilfe von außen nicht möglich. Bis die Feuerwehr den Brandort im Tunnel erreicht, dauert es 20 Minuten. Weil sich die Tunnelröhre binnen kürzester Zeit mit tödlichen Rauchgasen füllt, ist Flucht nur durch einen Querschlag in die zweite Tunnelröhre und erst dann möglich, wenn dort keine Züge mehr fahren. Diese Querschläge haben einen Abstand von 500 m. Die Bahn geht davon aus, dass sich die Zuginsassen innerhalb von 15 Minuten selbst retten können. Hierbei bleiben allerdings in der Mobilität eingeschränkte Personen und die tödlichen Rauchgase außen vor. Die tatsächlichen Evakuierungszeiten aus den Zügen, die auf freier Strecke ohne Brand liegen geblieben sind, betragen oft mehrere Stunden.

Rette sich, wer kann!

Dieter Reicherter
Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21

Bilder:
Brennender Zug: privat Dorothee Esche
Postkarte: Privatarchiv, Martin Storz

Über Dieter Reicherter

Vorsitzender Richter am Landgericht a.D., zuletzt tätig gewesen am Landgericht Stuttgart als Vorsitzender einer Strafkammer

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